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Komm wieder zurück: Roman

Komm wieder zurück: Roman

Titel: Komm wieder zurück: Roman
Autoren: Deborah Reed
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EINS
    Annie hebt den alten Feldstecher ihres Vaters von der Veranda auf. Draußen hinter dem Maisfeld steht im Nebel ein lindgrüner Pick-up mit laufendem Motor neben Mrs Lanies Tangelo-Hain. Die Fahrertür steht offen, aber niemand sitzt am Steuer. Gerümpel ragt aus der Ladefläche empor, Dampf steigt aus dem Auspuffrohr. Annie kennt die meisten von Mrs Lanies Pflückern, aber diesen Truck kennt sie nicht.
    Ein alberner Gedanke kommt ihr. Owen ist wieder da. Er schleicht durch den Hain und kommt hinten ums Haus herum, um sie zu überraschen. Er wird ihr von hinten die Augen zuhalten und etwas Dummes sagen wie »Rate mal, wer eine Brille braucht?« oder »Wer hat das Licht ausgemacht?«.
    Es ist früh am Morgen. Sie hat sich noch nicht die Zähne geputzt oder ihre dunklen Augenringe kaschiert. Sie hat sich noch nicht die Haare gewaschen oder sie auch nur zurückgebunden. Die Strähnenspitzen fallen ihr beim Kaffeetrinken in den Mund. Sie sucht den Hain nach einem Tangelo-Dieb ab. Doch sie kann keinen entdecken.
    An Owen wollte sie ja nun wirklich nicht denken. Doch so wie bei einem Fuß, der auf rutschigem Boden den Halt verliert, tritt sieunversehens immer wieder in dasselbe Loch. Ihre Gedanken sind oberflächlich geworden, sentimentale Wegwerflieder. Kinderreime.
Where oh where have you gone?
    Dampf steigt aus der Kaffeetasse vom Mund zu den Wimpern auf. Sie lässt die Tasse sinken und drückt deren Wärme an ihre Brust, an die kalte, nackte Haut über dem Reißverschluss ihrer Fleecejacke.
    Es ist ja nicht so, als ob ihre fünf gemeinsamen Jahre vollkommen gewesen wären. Viele schwierige Wegstrecken hatte es gegeben, grausame Bemerkungen waren ihnen entschlüpft. Sie beobachtet den Nebel, wie er über das Feld zieht, und sie erinnert sich an all die frechen, unbarmherzigen Worte. Zweifellos würde sie die bei passender Gelegenheit wieder sagen.
    Das Problem sind die Nächte, in denen sie vor lauter Freude, die sie durchströmte, nicht schlafen konnte. Seine Haut, die nach Malz duftete, nach frisch geschnittenem Korn, nach etwas Essbarem. Wenn seine Manschette ihr Handgelenk streifte, bekam sie unbändige Lust auf Sex und Essen und noch lautere Musik. Jahrelang war sie in der Hoffnung auf ein großes Publikum durch verqualmte, mittelmäßige Schuppen getingelt, und plötzlich war da ihre Muse, ihr Glücksbringer, und ließ ihre alten Hoffnungen jämmerlich und amateurhaft erscheinen im Vergleich zu dem, was sie an ihm hatte.
    Sie kann nicht vergessen, dass dies die Veranda ist, wo die meisten Lieder für
Gull on a steeple
entstanden sind. Detour immer noch derselbe alte Hund, der die Harmonika anheulte. Diese Adirondack-Stühle mit der abgenutzten roten Farbe, weil Annie und Owen zu oft darauf gesessen haben. Annie zieht mit dem Zeigefinger die Kaffee- und Weinringe nach und die Spuren von dem öligen Insektenspray in den Lehnen: Indizien dafür, dass sie sich hier morgens, abends und nachts bemühten, es richtig zu machen. Er hatte sie zu einer waschechten Singer-Songwriterin aufgebaut, sie dafür ihn zu einem angesagten Musikproduzenten.
Rolling Stone
erklärte
Gull on a steeple
zu einem »Sofortklassiker voll lebhafter Geschichten von Liebe und Verlust ohne die geringste Spur von Sentimentalität«.
Depression
stellte fest: »Annie Walshs Songs sind melancholische, scharfsichtige Geschichten, verwoben mit einer Stimme, die an die große Patsy Cline, Lucinda Williams und Aimee Mann, alle miteinander zu einer Person verschmolzen, erinnert.« Die Vergleiche hatten ihr die ersten paar Minuten geschmeichelt, doch danach und seitdem sorgt sie sich immer, dem gerecht zu werden. Selbst als
Entertainment Weekly
daherkam und sie auf eine Art Disney-Produktion reduzierte. »Eine lebhafte, fast elfenhafte Gestalt, die sich ihren Weg über die Bühne und in Ihr Herz zaubert.«
    Jetzt fällt es sogar schwer, Musik zu hören, geschweige denn, sie zu spielen.
    Kalter Nebel lässt die Vögel verstummen und zieht wie heißer Dampf über Lake Winsor nach Osten. Minuten zuvor waren Hagelkörner an Annies Schlafzimmerfenster vorbeigesaust, vom Boden hochgehüpft wie Perlen auf Beton und in alle Richtungen geflohen. Der Kaffee in der Maschine war schon durchgelaufen, und Annie zog rasch eine Fleecejacke und Jeans an, die roten Gummistiefel mit den klobigen schwarzen Sohlen. Sie trat auf die Veranda hinaus wie aus einer Höhle, Kaffee lief ihr über das Handgelenk, Detour hing ihr an den Fersen nach Art alter Hunde, ängstlicher

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