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[kinder] Allein unter Superhelden

[kinder] Allein unter Superhelden

Titel: [kinder] Allein unter Superhelden
Autoren: Heiko Wolz
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mit dem Fuß auf, während die andere lieber die Arme verschränkt. Die Hauptsache besteht aber darin, zu schauen und nichts zu sagen. Bis der Angeschaute alles zugibt. Auch wenn er nichts getan hat.
    Papa Ray schluckt.
    Und zeigt auf mich.
    Moment mal. Das gilt nicht!
    Jetzt schauen IceMadam und Laura mich an. Und sagen nichts.
    Es regnet immer noch verkohlte Briefe. Ein Flyer trudelt vor Mama zu Boden. Auf die Entfernung kann ich die Worte Einladung und Superschu... entziffern.
    Mama löscht die letzten Flammen mit einem Fingerzeig. Eine dünne Eisschicht bildet sich auf dem Papier. Mama liest und hebt eine Augenbraue. Sie reicht den Zettel Papa, der ihn zögernd nimmt und ebenfalls liest. Auch er zieht eine Augenbraue hoch und ganz ohne Supersinne weiß ich sofort und augenblicklich, dass zwei gehobene Augenbrauen nur eins für mich bedeuten können: Gefahr, Gefahr!

Der größenwahnsinnige Maulwurf
    »Keine Panik, mein Freund.« Paul spaziert in mein Zimmer. Die Augen hinter den dicken Brillengläsern blinzeln. »Wo liegt das Problem? Am Telefon klang das ja nach echtem Notfall.«
    Während ich die Tür zumache, latscht Paul voraus. Er bleibt beim Spiegel am Kleiderschrank stehen.
    »Raus mit der Sprache«, sagt er zu seinem Spiegelbild. »Ich kann schweigen wie ein Besenstiel. Muss dein Alter einen Superverbrecher schnappen und weiß nicht, wie?« Er zieht ein Blatt mit einer Zeichnung hervor. Ein Strichmännchen mit wehendem Cape steht unter einem krakeligen Kreis. »Natürlich muss ich noch wissen, welche Kräfte Rays Gegner hat, aber ich habe hier schon mal was vorbereitet. Wenn dein Dad einen Felsen von der Größe eines Hochhauses halten und im richtigen Moment zur Seite springen kann, wird das hinhauen.«
    Manchmal verstehe ich, warum sie Paul in der Schule einen größenwahnsinnigen Maulwurf nennen.
    Paul rückt seine Brille zurecht und wartet, dass sein Spiegelbild antwortet.
    Bevor ich ihn auf mich aufmerksam machen kann, um ihm endlich zu erzählen, auf was für eine Katastrophe wir zusteuern, klopft es. Paul schaut mit zusammengekniffenen Augen zur Tür. Mama trägt ein Tablett mit zwei vollen Gläsern herein.
    »Eistee, Jungs? Und Kekse?«
    Wieder so ein Mütter-Ding: Es könnte ein Meteorit auf die Erde zurasen, und sie würden behaupten, nach einem Getränk und ein paar Keksen sähe die Welt schon anders aus.
    Dummerweise sind es Schokokekse. Ich greife zu und auch Paul lässt sich einen in die Hand geben. Er nippt an seinem Eistee und hält Mama das Glas hin.
    »Würde es Ihnen etwas ausmachen ...?«

    Mama steckt den Finger in Pauls Tee. Das Glas beschlägt, ein Tropfen rinnt außen nach unten und gefriert, bevor er fallen kann. Paul trinkt noch einmal und nickt zufrieden.
    »Supercool«, sagt er und lächelt die Jacke an meinem Kleiderhaken dankbar an. Er stiefelt davon und wendet sich der Stehlampe neben dem Schreibtisch zu. »Was meinst du, Leon? Ist dein Alter fit genug? Oder soll ich einen Trainingsplan erstellen?«
    Mama runzelt fragend die Stirn. Sie schüttelt den Kopf und schaut mit einem Grinsen zwischen Paul und mir hin und her. Als würden wir in Zeitlupe Pingpong spielen.
    Schon wieder etwas, mit dem Mütter einen in den Wahnsinn treiben. Verträumt angucken. Selbst wenn man granatenmäßig sauer auf sie ist, schauen sie so, und wenn es dicke kommt, knuddeln sie dich, weil du ja total drollig aussiehst, wenn du wütend bist.
    »Du, Paul?«, fragt Mama. »Hast du schon zu Hause angerufen?«
    Paul wohnt nur zwei Haltestellen entfernt. Trotzdem muss Paul seiner Mutter Entwarnung geben, sobald er den kleinen Zeh auf unser Grundstück gesetzt hat. Und das nur, weil Paul schon mal in den falschen Bus gestiegen ist und das erst bemerkt hat, als sie an der Grenze seinen Pass kontrollieren wollten.
    Ich finde, Pauls Mutter übertreibt. Das hätte doch jedem passieren können.
    Na ja, fast jedem.
    Paul nickt, ich schiebe Mama aus dem Zimmer und schließe die Tür. Paul kriegt das schon nicht mehr mit und textet die Lampe zu, wie er meinen Papa in Form bringen will.
    Ich schlurfe zum Bett und setze mich.
    Soll ich einen Kissenberg bauen wie früher und mich darunter verkriechen? So tief, dass meine Eltern mich bis nächste Woche nicht finden können?
    Aber ich bin kein Baby und weiß, dass das nicht funktioniert.
    Paul ist meine letzte Hoffnung.
    »Ich muss vielleicht auf eine Privatschule«, sage ich.
    Paul stößt einen Schrei aus. Seine Beine verknoten sich, weil sie in unterschiedliche

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