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[kinder] Allein unter Superhelden

[kinder] Allein unter Superhelden

Titel: [kinder] Allein unter Superhelden
Autoren: Heiko Wolz
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Superheld.
    Ich erinnere mich an einen Tag im Mai. Papa hat zwei Stäbe neben den Gartenpavillon in den Rasen gerammt und mich in die Mitte gestellt.
    »Du bist der Torwart«, hat er gesagt und mit dem Ball in der Hand elf Meter abgezählt.
    Komisch, habe ich gedacht. Normalerweise macht er größere Schritte. Er hat den Ball in einer Entfernung auf den Boden gelegt, aus der ich jede Naht im Leder erkennen konnte.
    Mein Gehirn hat gerade verarbeitet, wie Papa zurückgetreten ist, da hat der Ball mich schon getroffen und durch die Luft geschleudert. Zum Glück hat die Garage mich auf null abgebremst, sonst befände ich mich sicher noch immer in der Erdumlaufbahn.
    »Eindeutig nicht gehalten«, hat Papa gerufen und die Arme in die Hüften gestemmt.
    Fanfarentröten, breites Grinsen, Funkeln auf den Zähnen. Das Übliche nach einer vollbrachten Mission.
    »Wir könnten Rad fahren«, schlage ich vor. Den Tipp habe ich von Paul: »Wenn du mit deinem Dad spielen musst, vermeide jeglichen Sport, bei dem ihr gegeneinander antretet. Auf Dauer ist das gesünder für dich, mein Freund.«
    »Wieso sollte ich Rad fahren, wenn ich in weniger als zehn Minuten zum Mond fliegen kann?« Papa reckt die Faust, als wolle er losdüsen.
    »Kannste wohl nicht, was?«, frage ich. »Das Radfahren.«
    Ich kenne seine Antwort, bevor ich die Frage zu Ende gestellt habe. Auch ein Superhelden-Syndrom.
    »KANN ICH WOHL!«
    Ich hole mein Rad. »Da ist der Sattel. Zum Draufsetzen.«
    Papa nickt. »Wusste ich. Weiter.«
    Ich zeige ihm so ziemlich alles und er springt auf und fährt. Das Rad ist etliche Nummern zu klein für ihn. Papas Cape schleift auf der Erde und wahrscheinlich erwürgt er sich in der nächsten Kurve selbst, wenn er drüberrollt. Seine Knie stoßen bei jedem Tritt abwechselnd gegen den mächtigen Brustkorb. Eine Runde nach der anderen dreht er und wird immer schneller. Nicht einmal Rad fahren kann er, ohne eine Show daraus zu machen. Er schießt wie ein Schnellzug an mir vorbei:
    Achtung, Achtung, auf Gleis eins fährt durch der unaufhaltsame Ray.
    Dumm nur, dass er tatsächlich nicht aufzuhalten sein könnte, denn wie mir gerade einfällt, habe ich vergessen, ihm die Sache mit dem Bremsen zu erklären.
    Gummi auf Metall, denke ich. Gummi auf Metall!
    Papas Beine verschwimmen zu einem Kreis. Mir wird schon vom Zusehen schlecht und auch Papas Gehirn scheint das Rumgekurve nicht gutzutun: Ohne Vorwarnung schaltet Papa seinen Laserblick ein.
    Zzzssch! , gleitet der Strahl durch den Hof.
    Die Pflastersteine verwandeln sich in Lava und schwimmen fort oder explodieren in der plötzlichen Hitze. Papas Laserblick schwenkt zum Blumenbeet und säbelt die Buschrosen ab. Grüne und rote Blätter steigen auf wie ein Schmetterlingsschwarm, bevor sie zu Asche verpuffen.

    Papas nächste Etappe: der Gartenzaun mitsamt Briefkasten. Zzzssch! Vor sich hin kokelnde Reste der Post segeln vom Himmel.
    Papa steuert zielsicher die Garage an. Zzzssch! , habenwir nicht mehr eine, sondern zwei halbe. Das Dach fängt Feuer und Papas Supersinne signalisieren ihm sofort und augenblicklich: Gefahr!
    Gefahr.
    Ich kann das Wort nicht mehr hören. Ständig verharren The Ray, IceMadam oder die unfassbare Laura vollkommen reglos und flüstern unheilvoll: Gefahr, Gefahr! Nur weil irgendwo einer pupst. Richtig gruselig ist das, wenn Laura mir ihr Gefahr ins Ohr raunt, als käme jeden Moment ein Krokodil um die Ecke gehopst und würde mir in den Hintern beißen.
    Papa bläht die Backen. Feuer auspusten mit Superatem. Olle Kamelle. Er denkt allerdings nicht daran, dass er mit zweihundert Stundenkilometern durch den Hof jagt. Er bläst, was das Zeug hält, und trifft den Apfelbaum. Der Baum knickt um und begräbt den Gartenpavillon mitsamt Edelstahlgrill und Rattanmöbeln unter sich.
    Papa rast an mir vorbei.
    Mama springt aus dem Haus und schnappt das flatternde Cape am äußersten Zipfel. Wurde auch Zeit, dass ihr Supersinn Alarm schlägt. Sie reißt Papa vom Rad. Das holpert über eine knorrige Wurzel des Apfelbaums, steigt steil auf und schießt durch das geschlossene Fenster in Lauras Zimmer.
    Plopp! , taucht meine Schwester keinen halben Meter neben mir auf. Irgendwann wird mir noch mal das Herz stehenbleiben. Aber wahrscheinlich legt Laura es sogar darauf an, dass ich eines Tages mausetot umkippe.
    IceMadam und die unfassbare Laura schauen Papa Ray an.
    Auch das beherrschen Mütter astrein und die Töchter gucken es sich ab. Vielleicht tippt eine dabei immer wieder

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