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Juli, Die Viererkette

Juli, Die Viererkette

Titel: Juli, Die Viererkette
Autoren: Joachim Masannek
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Im Reich der Dämmerung
    „Pst! Seid doch mal still. Ja! So ist es gut.
    Und? Was ist? Hört ihr es auch?
    Ich mein diese Stille. Kein Windhauch, kein Tier, kein Mensch! Hört ihr das?“
    Das ist mein Reich. Das Reich von Juli „Huckleberry“ Fort Knox, der Viererkette in einer Person. Ja, und wenn ihr es immer noch nicht herausgekriegt habt, was „Huckleberry“ bedeutet, dann wird es jetzt Zeit.
    Aber seid auf der Hut! Sucht euch einen sicheren Ort! Am besten mit dem Rücken zur Wand und: Haltet immer eine Taschenlampe bereit. Diese Geschichte führt euch auf ein Drahtseil hinaus, das über eine Schlucht gespannt ist, in die kein Tageslicht mehr gelangt. Diese Geschichte ist wie eine Münze mit zwei absolut verschiedenen Seiten. Die eine steht für Abenteuer und für Glück. Für das Glück, meine ich, das man findet, wenn man die eigene Angst besiegt. Die andere aber steht für Scheitern und für Untergang, wenn man zu viel riskiert und wenn man die Angst, die einen warnt, nicht hören und nicht sehen will. Doch wie soll man die beiden bloß unterscheiden?“
    Ich warf das Geldstück noch einmal hoch in die Luft. Es wirbelte so schnell im Licht der Taschenlampe, dass mir schwindelig wurde. Dann schlug die Münze gegen einen Ast, veränderte die Richtung und landete auf der Ruine des uralten Schlosstores, das sich drohend über mir erhob.
    Ich lag im „Finsterwald“, den Kopf auf dem Moos, und schaute zum Morgenhimmel hinauf, an dem die Sterne verblassten. Auch sie flackerten aufgeregt, als wären sie Münzen im Lampenlicht.

    Ich holte tief Luft und streckte die Arme so weit, wie ich konnte, nach rechts und nach links. Dann schloss ich die Augen, stieß den Atem ganz langsam aus und versuchte zu spüren, auf welche Seite der Münze ich wohl gehörte, von welcher Seite ich kam.
    Links von mir, da schlief Grünwald, die Welt der Wilden Kerle und die meiner Mutter. Und rechts, da ragten drohend und schwarz die „Graffiti-Burgen“ in den Himmel empor, als wollten sie den Morgen verdunkeln. Dort, in den Mietskasernen, in den drei Türmen aus verwittertem Stahl und Beton, hausten der Dicke Michi und seine Unbesiegbaren Sieger , und dort lebte mein Vater. Davon war ich fest überzeugt.
    Doch dort traute sich niemand freiwillig hin. Selbst der Wald, der unsere Welt vor den „Graffiti-Burgen“ verbarg und den wir „Finsterwald“ nannten, war für uns schon tabu. Dass ich hier war, war mein allergrößtes Geheimnis, und das wagte ich auch nur kurz vor dem Morgengrauen. Kurz bevor die Vögel die Sonne begrüßen, wenn das Gute noch und das Böse schon wieder schläft. Doch dieses Mal hatte ich mich geirrt.
    Ich sprang sofort auf. Über meinen vielen Gedanken hatte ich die herankommenden Schritte zu spät bemerkt. Eine Meute krachte durchs Unterholz. Direkt auf mich zu. Schon konnte ich ihre Schatten zwischen den Bäumen erkennen. Ich schaute mich um. Zum Weglaufen war es zu spät! Doch wo konnte ich mich jetzt noch verstecken? Die Bäume um mich herum waren halbtote Fichten. Ihre Äste fingen erst fünf Meter über mir an. Die einzige Chance, die mir blieb, war die alte Ruine.
    Ohne zu zögern kletterte ich das Schlosstor hinauf und warf mich flach auf den in der Mitte eingebrochenen Torbogen. Die Steine unter mir ächzten und wippten. Ich fluchte und betete, dass sie mich aushalten würden, und tatsächlich – und Gott sei Dank! – hielt das Tor stand!
    Atemlos starrte ich auf die Gestalten hinab, die sich jetzt aus dem Walddickicht lösten. Den Ersten von ihnen kannte ich gut. Es war der Dicke Michi, der Darth Vader unserer Welt. Sein Atem rasselte wie die rostigen Ketten von zwei Dutzend Folterknechten. Seine Augen glühten wie Laser von Killersatelliten im All, und sein T-Shirt spannte sich vergeblich über seine Speckschwarten, Tonnen von Muskeln und ein pechschwarzes Herz. Ja, und wie die Maden dem Speck folgte dem Dicken Michi natürlich sein Pack, die einstmals Unbesiegbaren Sieger liefen hinter ihm her: Krake, Mähdrescher, Dampfwalze, Fettauge, Sense und Kong, der monumentale Chinese. Dass sich diese Mistkerle schon seit Monaten nicht mehr mit Fußballspielen abgaben, hatten wir alle geahnt. Doch was ich jetzt sah, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen: Unter mir zog eine Räuberbande durch das Schlosstor hindurch, und wenn nur einer dieser Halunken in einem Kinderfilm mitspielen würde, dürftet ihr den erst sehen, wenn ihr 18 Jahre alt wärt.
    Sie lachten und grölten und schwenkten die

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