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Im Wettstreit der Gefühle (German Edition)

Im Wettstreit der Gefühle (German Edition)

Titel: Im Wettstreit der Gefühle (German Edition)
Autoren: Ester D. Jones
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    1. Kapitel
    Die Sonne brannte auf die scheinbar einsame Reiterin auf der moosbewachsenen Ebene nieder, die so flach war wie Schwester Irinas Waffeln. Vereinzelt konnte sie in der Umgebung niedrige Sträucher sowie ab und an einen Baum entdecken, die einzigen, mickrigen Schattenspender. Selbst in der Ferne erstreckte sich das ernüchternde Grün.
    Erin drückte ihrem Pferd die Fersen in die Flanken, doch die Stute weigerte sich, an Geschwindigkeit zuzulegen. Aus Sorge, an der nahe ihres Zuhauses gelegenen Grenze zwischen England und Schottland englischen Soldaten in die Hände zu fallen, hatte sie sich nach Norden gewandt. Wenn sie sich nur für eine andere Himmelsrichtung entschieden hätte! Sie ritt nun schon seit Stunden über die grüne Fläche und hatte die Orientierung länger verloren, als die Säuberung des Bodens im ersten Stock des Waisenhauses gedauert hätte. Sie musste aus dieser Hölle entkommen, sonst würde sie verdursten. Schon bald. Denn das Wasser war ihr schon vor langer Zeit ausgegangen. Es schien pure Ironie, dass sie in ihrem geliebten, charakterstarken Schottland ausgerechnet an solch einem freudlosen Ort sterben sollte.
    Sie setzte die Flasche nochmals an ihre spröden Lippen, um wenigstens einen Schluck der lebensrettenden Flüssigkeit zu erlangen. Wie bei den anderen Versuchen zuvor musste sie feststellen, dass die Flasche keinen einzigen Tropfen mehr enthielt. Ihre Chancen, lebend aus diesem gefühlten Fegefeuer zu gelangen, standen schlecht. Sie hatte nur noch die Hoffnung, dass sie rechtzeitig gefunden wurde, musste sich jedoch selbst eingestehen, dass das mehr als unwahrscheinlich schien. Schließlich wusste niemand, wo sie sich befand. Niemand wusste, dass sie nicht auf dem Weg zum Markt sondern weggelaufen war. Niemand außer dem einzigen Menschen auf Erden, den sie in ihrem Leben nie wiedersehen wollte.
    Angesichts ihrer misslichen Lage verfluchte sie den Mann, durch den sie in diese schrecklich beängstigende Situation gestolpert war. Hätte er sie vor zwei Tagen zu dieser Dummheit nicht provoziert, würde sie jetzt in einem gemütlichen Haus im Schatten sitzen und könnte so viel Wasser zu sich nehmen, wie sie wollte. Obwohl sie selbst wusste, dass sie sich damit nur selbst quälte, benötigte sie diese Vorstellung, um nicht zu vergessen, wie sehr sie diesen Mann hasste. Und den Hass brauchte sie, um wenigstens noch eine Weile zu überleben.
    Darum erinnerte sie sich selbst immer wieder von neuem daran, was er ihr angetan hatte und verspürte erleichtert den schon vertrauten Zorn in sich aufsteigen. Eines wusste sie mit Bestimmtheit. Der Tag, an dem sich ihr Liam MacNeals wahrer Charakter offenbart hatte, war der schlimmste Moment in ihrem Leben gewesen. Obwohl MacNeals Mangel an Ehrenhaftigkeit sie angesichts seines Rufes als verdorbener Lebemann nicht überraschen hätte dürfen.
    Liam MacNeal. Der Herr des mächtigsten Clans der Highlands. Muskelbepackt, eingebildet, überheblich und aufdringlich. Der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte, mit der Süßholz raspelnden Zunge eines Engels und der schwarzen Seele des Teufels.
    Sie hatte seit dem ersten Tag ihrer Bekanntschaft gehofft, ihn durch unhöfliches Benehmen und bissige Worte dazu bewegen zu können, sich ein willigeres Opfer für seine Begehrlichkeiten zu suchen. Doch er schien von ihrem abweisenden Verhalten nur noch mehr angestachelt worden zu sein. Und dann hatte sich sein penetrantes Werben zu einem Drama zugespitzt, dank dessen sie sich nun hier befand.
    Ob MacNeal sie noch immer verfolgte? Wenn sie es recht überlegte, konnte sie ihn wohl als ihre einzige Chance auf Rettung bezeichnen. Pure Ironie des Schicksals wenn man bedachte, dass er der Grund dafür war, dass es so weit gekommen war. Ob sie ihn durch ihre Kostümierung auf die falsche Fährte locken hatte können? Um kein Aufsehen zu erregen, hatte sie sich in einer unbeobachteten Minute als Junge verkleidet. Mit ihren achtzehn Jahren wirkte sie in Jungenkleidern beinahe wie ein zwölfjähriger Bengel.
    Sie spürte das Medaillon an seiner Kette beruhigend warm auf ihrer Haut. Ohne eine Sekunde zu zögern hatte sie alle ihre Besitztümer zurückgelassen. Bei dem einzigen, das für sie von Wert war, handelte es sich ohnehin um das Schmuckstück, das sie nicht ablegte. Niemals. Es barg die letzte Verbindung zu ihrer Vergangenheit. Die einzige Brücke durch die Zeit zu ihren Eltern. Von ihnen war sie als Baby verstoßen worden. Ungewollt. Dieser Makel

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