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Im Netz des Drachen

Im Netz des Drachen

Titel: Im Netz des Drachen
Autoren: Marco Sonnleitner
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Das Monster im Wald
    Der Mann musste lebensmüde sein. Oder wahnsinnig. Oder beides. Völlig bewegungslos stand er am Rand der leicht überhängenden Klippe, zwanzig Meter über der Wasseroberfläche, vielleicht fünfundzwanzig, und sah in die saphirblaue, unergründliche Tiefe. Die bald untergehende Sonne brach sich in kupfernen Lichtblitzen auf den kleinen Wellenkämmen und tauchte die zerklüfteten Felsen in ein beinahe unwirkliches, scharlachrotes Leuchten. Jede Kante, jeder Vorsprung der Klippe schien vor Blut zu triefen.
    »Das … das kann er doch nicht … tun«, hauchte Peter fassungslos und starrte zu dem Mann empor.
    »Der ist doch völlig irre!« Auch Bob brachte nur ein Flüstern zustande. »Komplett verrückt.«
    Der Mann trat noch einen kleinen Schritt nach vorne. Sein muskulöser Brustkorb hob und senkte sich. Eine kleine Windböe strich ihm durch die schwarzen Haare, aber der Mann schien es gar nicht wahrzunehmen. In tiefster Konzentration verharrte er über dem Abgrund, atmete ein, atmete aus, langsam, bedacht.
    Auch Justus spürte ein Kribbeln im Nacken. Vor allem, wenn er sich vorstellte, er würde jetzt dort oben stehen. »Der weiß genau, was er tut.« Der Erste Detektiv hörte sich so an, als wollte er vor allem sich selbst überzeugen.
    Peter atmete unwillkürlich im Rhythmus des Mannes. »Dann ist er noch irrer, als ich dachte. Man kann nicht klaren Verstandes sein und sich dann da raufstellen.«
    Bob nickte nach oben. »Er tut’s. Er tut es wirklich!«
    Tatsächlich breitete der Mann jetzt die Arme aus. Als würde er sich jeden Moment in den Himmel schwingen wollen, hob er die Arme und hielt sie seitlich vom Körper, die Handflächen nach unten, jede Faser seines Körpers aufs Höchste gespannt. Ein Kreuz aus Muskeln und Sehnen. Dann stellte er sich auf die Zehenspitzen.
    »Unfassbar!«, keuchte Peter.
    Der Mann ließ sich wieder zurück auf die Fersen sinken, ging leicht in die Hocke und drückte sich kraftvoll vom Felsen ab. Wie eine Sprungfeder schnellte er in die Höhe, legte sich waagrecht in die Luft und schwebte für den Bruchteil einer Sekunde wie eingefroren über dem Abgrund.
    Peter hielt den Atem an. Ein Bild schoss ihm durch den Kopf. Er saß in einer Achterbahngondel, die eben den höchsten Punkt erklommen hatte. Einen Herzschlag lang schien die Welt stillzustehen, dann raste der Wagen in die Tiefe.
    Die Schwerkraft erfasste den Mann. Sein Körper kippte leicht vornüber und begann zu fallen.
    »Ich mach mir gleich ins Hemd.« Peter war nur noch Augen und Mund und Bob faltete unwillkürlich die Hände.
    Der Mann fiel immer schneller. Doch immer noch war sein Körper bis in den letzten Muskel gespannt, immer noch streckte er die Arme aus, als wollte er bis zuletzt daran glauben, dass er fliegen konnte. Den Rücken leicht durchgedrückt und den Kopf im Nacken, raste er auf das Wasser zu.
    »Die Hände nach vorne, die Hände nach vorne«, murmelte Justus. Als wollte er es dem Mann vormachen, legte er seine Hände über Kreuz und verschränkte die Daumen.
    Noch fünf Meter. Erst jetzt ging der Mann in den senkrechten Fall über. Er streckte den Rücken, nahm den Kopf zwischen die Schultern, zog den Hals ein und erhörte Justus’ Flehen. Die Arme jetzt in gerader Verlängerung des Körpers, verhakte er die Finger. Im nächsten Augenblick stieß er wie ein fleischgewordener Pfeil ins Wasser, das ihn mit einem kaum wahrnehmbaren Zischen verschluckte.
    Alles schwieg und starrte reglos ins Meer. An der Stelle, wo der Mann eingetaucht war, brodelte die See für einen Moment, als Luft und Wasser in einer gurgelnden Blase an die Oberfläche stiegen. Doch von dem Mann selbst war nichts zu sehen.
    »Wie tief ist es da noch mal?«, fragte Bob leise, während er mit unsteten Blicken die Wasseroberfläche absuchte.
    »Über zwölf Meter angeblich.« Auch Justus hielt angespannt nach dem Mann Ausschau.
    Plötzlich jagte ein spitzer Schrei über das Wasser. Die drei ??? rissen die Köpfe herum. Eine junge Frau in einem der anderen Boote deutete hektisch auf eine Stelle der Bucht. Die Jungen blickten dorthin, erkannten jedoch nichts, weil die Sonne so blendete. Erst als sie die Augen mit den Händen abschirmten, sahen sie ihn.
    »Da ist er!«, rief Peter erleichtert. »Er hat es geschafft!«
    Am Rand der Bucht war der Kopf des Klippenspringers aufgetaucht. Fröhlich lächelte der Mann den Zuschauern zu und streckte eine Faust als Zeichen seines Triumphes aus dem Wasser.
    »Meine Herrschaften!

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