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Im Licht des Mondes: Roman (German Edition)

Im Licht des Mondes: Roman (German Edition)

Titel: Im Licht des Mondes: Roman (German Edition)
Autoren: Nora Roberts
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Prolog
    Insel der Drei Schwestern, September 1702
     
    Ihr Herz war gebrochen. Seine spitzen Scherben staken in ihrer Seele und verletzten sie Stunde um Stunde. Ihr jetziges Leben war nichts als Kummer. Nicht einmal ihre Kinder  – die, die sie in ihrem Leib getragen hatte und die ihrer verlorenen Schwestern  – konnten sie trösten.
    Und zu ihrer großen Beschämung konnte sie ihnen auch keinen Trost spenden.
    Sie hatte sie verlassen, so wie ihr Vater sie verlassen hatte. Ihr Ehemann, ihr Liebster, ihr Herz war zurückgekehrt ins Meer  – und alle Hoffnung und Liebe und Magie in ihr waren am selben Tag gestorben.
    In diesem Moment würde er sich nicht einmal mehr der gemeinsamen Jahre erinnern, der gemeinsamen Freude. Er würde sich ihrer nicht erinnern, oder ihrer Söhne, ihrer Töchter, ihres Lebens auf der Insel.
    Das entsprach seiner Natur. Das war ihr Schicksal.
    Und ihre Schwestern, dachte sie, während sie auf den geliebten Klippen stand, über der kochenden und tosenden See. Auch ihr Schicksal war es, zu lieben und zu verlieren. Die, die einst Luft war, verliebte sich in ein schönes Gesicht und wohlklingende Worte, hinter denen sich ein Ungeheuer verbarg. Ein Ungeheuer, das ihr Blut geschlürft hatte. Es hatte sie ermordet für das, was sie war, und
sie hatte ihre Macht nicht benutzt, um es daran zu hindern.
    Und deshalb hatte die, die einst Erde war, gewütet und gelitten, und ihr Hass wuchs Stein um Stein, bis er eine unüberwindliche Mauer war. Sie hatte ihre Macht benutzt, um Rache zu üben, hatte ihre Gabe verloren und die Dunkelheit umarmt.
    Die Finsternis kam näher, und die, die einst Feuer war, blieb allein mit ihrem Schmerz. Sie konnte ihm nicht länger widerstehen, konnte keinen Sinn mehr finden in ihrem eigenen Leben.
    Die Finsternis wisperte ihr zu in der Nacht, ihre verschlagene Stimme voll von Lügen. Obgleich sie sie erkannte, waren sie eine Versuchung.
    Ihr Kreis war gebrochen, und sie konnte nicht, wollte nicht allein widerstehen.
    Sie fühlte es, wie sie näher kroch, auf dem schmutzigen, nebligen Boden entlangglitt. Sie war hungrig. Ihr Tod würde sie sättigen, und dennoch konnte sie nicht weiterleben. Sie erhob ihre Arme, und ihr flammendes Haar flatterte im Wind, den sie gerufen hatte. Immer noch hatte sie dazu die Kraft in sich. Und die See antwortete heulend, die Erde unter ihr bebte.
    Luft und Erde und Feuer  – und das Wasser, das ihr ihre große Liebe gebracht und wieder gestohlen hatte.
    Dieses eine letzte Mal hatten sie ihr zu gehorchen.
    Ihre Kinder würden in Sicherheit sein, sie hatte dafür gesorgt. Ihre Kinderschwester würde sie versorgen, sie lehren, und die Gabe  – die Magie  – würde überliefert werden.
    Die Finsternis fuhr über ihre Haut. Kalte, eiskalte Küsse.
    Sie taumelte an die Kante, Wille kämpfte gegen Wille, als
der Sturm in ihr und der Sturm, den sie entfacht hatte, aufeinanderprallten.
    Diese Insel, dachte sie, die sie und ihre Schwestern geschaffen hatten, um sich vor dem verheerenden Wüten ihrer Verfolger in Sicherheit zu bringen, würde verloren gehen. Alles würde verloren gehen.
    Du bist allein, murmelte die Finsternis. Du erleidest Schmerzen. Beende die Einsamkeit. Beende die Schmerzen.
    Und das würde sie, aber sie würde ihre Kinder nicht verlassen oder deren Kinder. Die Macht war noch in ihr, und die Kraft und die Weisheit, sie zu schützen.
    »Einhundert Jahre mal drei, die Insel der Schwestern wird sicher sein und frei.«
    Aus ihren erhobenen Fingern schoss Licht, wob einen Kreis in einen Kreis.
    »Meine Kinder werde ich deiner Hand verwehren. Sie werden leben und lernen und lehren. Und kommt mein Zauber an ein Ende, drei neue dann bewirken die Wende. Ein Kreis von Schwestern, vereinigt in Kraft, widersteht der dunklen Macht. Ihre Lehre sind Mut und Vertrauen, Recht und Gnade, Liebe und Freiheit. Und sie wählen ihr Schicksal als eine Einheit. Wenn dies einer oder zweien oder dreien misslingt, diese Insel im Meer versinkt. Aber wenn sie die Finsternis vertreiben, wird diese Insel niemals unter ihr leiden. Dieser Zauber soll mein letzter sein. Dies ist mein Wille, so soll es sein.«
    Die Finsternis schnappte nach ihr, als sie sprang, konnte sie aber nicht erreichen. Während sie der See entgegenfiel, schleuderte sie ihre Macht wie ein silbernes Netz um die Insel, wo ihre Kinder schliefen.

1
    Insel der Drei Schwestern, Mai 2002
     
    Mehr als zehn Jahre waren vergangen, seit er die Insel verlassen hatte. Mehr als eine Dekade

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