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Hesmats Flucht

Titel: Hesmats Flucht
Autoren: Wolfgang Boehmer
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flussabwärts das Wrack eines Jeeps, der von den Balken gerutscht war. Sie stiegen aus und gingen dem Wagen voraus.
    Der Kämpfer mit den Krücken beäugte die Holzbalken kritisch, doch er verjagte Hesmat, als der sich anbot, ihm zu helfen. »Verschwinde, ich brauche keine Hilfe!«, sagte er.
    Er hatte sein Bein verloren, aber seine Würde sollte ihm niemand nehmen. Er brauchte nicht die Hilfe eines kleinen Jungen. Hesmat ging dem Mann voraus, ohne sich umzudrehen.
    Taloqan war ein Dreckloch. Selbst Kunduz war im Vergleich dazu eine saubere Stadt. Als sie den Ort endlich erreichten, waren die Türen bereits verschlossen und die Menschen beim Essen oder beim Gebet.
    »Was ist?«, fragte der Mann auf dem Beifahrersitz, als Hesmat nur zögernd aus dem Wagen stieg.
    »Nichts«, antwortete der und verschwand ohne ein Wort des
Abschieds in der Dunkelheit. Er sah die Gestalten, die sich in den verdreckten Straßen an die Hausmauern drückten, und erinnerte sich an Tuffons Warnung: »In Taloqan gibt es Menschenhändler«, hatte er gesagt. »Du solltest dich dort nicht länger als nötig aufhalten. Für einen einzelnen Jungen ist es dort nicht ungefährlich.«
    Er versteckte sich vor den fremden Stimmen, die ihm entgegenschlugen, und verlor die Orientierung. Er hatte zum Fluss gewollt, den er gesehen hatte, als sie in die Stadt gefahren waren, aber der Himmel war bedeckt und die Stadt ohne Strom. In den glaslosen Fenstern flackerte Licht. Kurz überlegte er, ob er anklopfen sollte, hatte dann aber doch mehr Angst vor den Fremden als vor der kalten Nacht. Schließlich hatte er sich in den verwinkelten Straßen endgültig verlaufen und legte sich müde in den Straßengraben.
    Als er erwachte, wärmte ihn die Morgensonne, und er stillte seinen Hunger mit dem getrockneten Fleisch, das er in seinem Beutel hatte. Er beobachtete die Männer, die sich rauchend die Zeit vertrieben, während sie den Frauen zusahen, die im Fluss ihre Wäsche wuschen. Auch hier war es den Frauen verboten, ohne männliche Begleitung die Häuser zu verlassen. Während die Männer unter den Blicken der Taliban die Frauen überwachten, standen diese in ihren Burkas knietief im Wasser und verrichteten gebückt und verängstigt ihre Arbeit.
    Er hatte keine Zeit zu vertrödeln. Er brauchte ein billiges Quartier und Menschen, die ihn auf den langen Fußmarsch zur Grenze mitnehmen würden. »Wenn du über der Grenze bist, liegt das Schlimmste hinter dir«, hatte Tuffon gesagt. »Mit dem Auto wären es nur ein paar Stunden über die Grenze. Zu Fuß dauert es eine gute Woche.«

DIE NAMENLOSEN ALTEN
    Sie betete jede Nacht. Immer wieder senkte sie den Kopf auf den verstaubten Teppich, während ihr die Tränen lautlos über die Wangen liefen. Sie betete für ihre Söhne, die im Pandschir-Tal gegen die Taliban kämpften und ihren Traum von der Freiheit noch nicht aufgegeben hatten. Seit Monaten hatte sie nichts mehr von ihnen gehört. Als der Kampf begonnen hatte, waren sie wie viele andere Söhne ausgezogen, um die Taliban zu stoppen. Schon immer waren Menschen in ihrer Familie in den Kampf gezogen. Auch ihr Vater war für ein freies Afghanistan gestorben, jetzt fürchtete sie um ihre Söhne. Sie hatte sie bekniet, sie angefleht und angeschrien. Ihr Mann hatte sie schließlich zurechtgewiesen. »Es ist ihre Aufgabe«, hatte er gesagt.
    In den ersten Monaten hatten sie noch regelmäßig Nachricht von ihnen erhalten, jetzt waren die Stimmen verstummt. Die Taliban hatten den Widerstand bis auf wenige Dörfer vernichtet. Viele waren über die Grenze geflohen, träumten davon, sich neu zu formieren und die Taliban aus dem Land zu jagen.
    »Afghanistan ist wie ein Kind, das erst laufen lernen muss«, hatte ihr Mann zu Hesmat gesagt. »Es fällt hin, steht auf, fällt
wieder hin. Es lernt langsam. Manche Kinder werden nie erwachsen.«
    Hesmat hatte den Vergleich nicht sofort verstanden, aber zustimmend genickt.
    Ein Junge, der ihm Brot verkauft hatte, gab ihm den Tipp. »Sie werden dich vielleicht für ein paar Tage aufnehmen«, hatte er gesagt.
    Hesmat war zu dem beschriebenen Haus gegangen und hatte ihnen 50 Dollar gegeben, aber die Frau wollte ihn sofort wieder aus dem Haus haben. Sie verstand nicht, woher ein Junge so viel Geld hatte, und wie so viele war sie abergläubisch. »So viel Geld bringt Unglück«, sagte sie zu ihrem Mann.
    Der Mann hatte jedoch Mitleid mit dem Jungen, und so bekam Hesmat einen Platz in der Nähe des Feuers und die Schlafmatte eines ihrer

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