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Heisskaltes Verlangen: Team Zero 02

Heisskaltes Verlangen: Team Zero 02

Titel: Heisskaltes Verlangen: Team Zero 02
Autoren: Eva Isabella Leitold
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Kapitel 1
    M
itternacht. Der Rabe saß auf dem Fenstersims außerhalb des Pausenraumes und beobachtete Cass, wie sie hastig ihr Sandwich hinunterwürgte. Zwei Minuten später und ihr Magen hätte sich dazu berufen gefühlt, sich selbst zu verdauen. Erleichtert atmete sie auf. In der privaten psychiatrischen St. Johann Klinik in Loveland im US-Bundesstaat Colorado war Ruhe eingekehrt.
    Sobald sie sich vor dem Hungertod gerettet hatte, wollte sie den allnächtlichen Rundgang machen und sich danach in einen der Pausenräume legen. Die sechste Nachtschicht in Folge hatte es in sich. Cass fühlte sich ausgezehrt und würde die nächsten zwei Tage nicht mehr aus dem Bett kommen, sollte sie sich heute Nacht nicht ein wenig ausruhen.
    Bevor sie sich auf den Weg in den Westflügel machte, öffnete sie das Fenster und strich Achak über das schwarze, samtige Federkleid, während sie in den Innenhof der Klinik spähte. Der Wind hatte aufgefrischt, wie es im Frühling nahe den Bergen öfter vorkam. Mit flüsterndem Geheul sauste er über das Kopfsteinpflaster, ließ ein Stück Papier tanzen. Aus einigen Fenstern drang Licht und warf verzerrte Rechtecke auf die kleine Rasenfläche bis hin zu der alten Linde, die bedrohlich in den sternenlosen Himmel ragte. Nur ein kleiner Bereich wurde von Laternen erhellt. Zu wenig, um in all die Schlupfwinkel und Verstecke sehen zu können. Nachts schien dieser Ort geheimnisvoll, fast unheimlich, aber die Dunkelheit hatte ihr noch nie behagt. Schon immer mochte sie die Tage lieber. Wenn es dunkel ist, kann man seinen Augen nicht immer trauen.
    Achak spürte ihr Unbehagen und schmiegte den Kopf in ihre Handfläche. Das entlockte ihr ein Lächeln.
    Raben sind feinfühlige Tiere und haben eine starke Verbindung zur Anderswelt. Sie sehen nicht den Menschen, sondern dessen Seele. Das Band, das Cass seit Kindheitstagen mit ihrem Raben teilte, ermöglichte auch ihr, in die Seelen von Menschen zu sehen. Die kurze Berührung einer Person genügte, schon öffnete sich die Verknüpfung zu Achak und eine Flutwelle von Informationen schwappte durch ihren Verstand. Schon als Kind wusste sie, eines Tages mit ihrer übernatürlichen Gabe Menschen zu helfen. Dabei in einer Psychiatrie zu landen, war nicht vorgesehen gewesen, sondern dem Zufall geschuldet. Sie wollte als Psychologin eine Praxis eröffnen, doch gleich nach dem Studium war ihr diese Stelle angeboten worden. Heute verschwendete sie keinen Gedanken mehr an eine Praxis. Sie kam hier schon nie unter sechzig Stunden die Woche davon, aber wenigstens hatte sie am Ende der Arbeitswoche das Gefühl, etwas Vernünftiges geleistet zu haben. Dabei war es nicht wichtig, wie sie helfen konnte, sonder nur, es zu tun.
    Sie sah zu, wie Achak zur Linde flog und schloss das Fenster, um das Flüstern des Windes auszusperren. Dann ging sie den Korridor entlang und sah in den Aufenthaltsraum. Die beiden Nachtschwestern spielten Karten.
    „Hey Cass. Bist du schon fertig mit deinem Rundgang?“
    Sue, die kleine dunkelhaarige Krankenschwester, grinste verlegen, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Cass kannte die nächtlichen Gepflogenheiten der beiden, hatte aber nicht vor, sie anzuschwärzen. Sich ausruhen sollte nicht verboten sein. Nachts war im Wesentlichen nicht viel zu tun.
    „Nein, noch nicht. Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich jetzt gehe. Würdet ihr mir für später Kaffee aufheben?“
    „Gern“, antwortete Marina, ohne über den Rand ihres anscheinend sehr schlechten Blattes aufzusehen. Sie seufzte und warf die Karten auf den Tisch. „Soll ich dich begleiten?“
    „Danke, ihr könnt mich ja vertreten, wenn ich mich eine Stunde hinlege. Sagen wir gegen zwei?“
    „Sicher.“
    Cass überließ die beiden ihrem Kartenspiel und machte sich auf, die Klinik abzugehen. Primär war nachzusehen, ob die vorderen Glasflügeltüren verschlossen waren. Außerdem musste das Licht am Empfangstresen gedimmt werden. Sparmaßnahmen. Sie hatten sogar die privaten Einrichtungen erreicht. Sie ging den langen Gang bis zur breiten Treppe und hinunter in das verglaste Foyer, das mit unzähligen Grünpflanzen sowie einem breiten Holztresen und einem kleinen Wartebereich ausgestattet war. Sie schloss die Glastüren ab, worauf sich die Lamellen in Bewegung setzten, um die große Glasfront zu verdecken und neugierige Blicke auszuschließen, dann ging sie zum Tresen und aktivierte das Nachtlicht. Ihre Schuhe erzeugten auf dem Fliesenboden eine Melodie, die

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