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Hahnemanns Frau

Titel: Hahnemanns Frau
Autoren: Bauer Angeline
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    Erstes Buch
    Januar 1847
    Das Pochen drängte sich in Mélanies Traum. Dreimal kurz und hart. Sie zuckte zusammen und schlug die Augen auf.
    »Madame Hahnemann, bitte öffnen Sie!«
    Mélanie setzte sich mühsam auf. Die Nächte brachten ihr seit Samuels Tod keine Entspannung mehr. Der Nacken tat ihr weh, der Schmerz zog bis in den Kopf hinauf.
    Sie hörte Schritte, dann leises Klopfen an der Tür. Es war Rose, ihre Haushälterin.
    »Madame Hahnemann – was soll ich nur tun? Draußen sind Gendarmen, und noch ein Herr ist in ihrer Begleitung.«
    Mélanie stand auf und schlüpfte in ihr Hauskleid. »Öffne, Rose«, rief sie durch die Tür. »Ich komme gleich.«
    Roses Schritte verklangen auf der Treppe. Mélanie ging zum Spiegel und ordnete ihr Haar. »Mein Gott, wie du aussiehst!« Sie starrte das blasse Gesicht mit den müden blauen Augen an, das ihr aus dem Spiegel entgegensah. »Nur noch ein Gespenst deiner selbst bist du!«
    Als sie auf den Flur trat, standen dort zwei Gendarmen und ein Herr im Gibun, einem grauen Überrock nach neuester Mode.
    Einer der Gendarmen wollte nach ihrem Arm greifen, aber der Herr hielt den Mann zurück. »Lassen Sie das!« Und zu Mélanie sagte er: »Madame, mein Name ist Mény. Ich bin Commissaire und soll sie zu Monsieur Orfila begleiten. Er erwartet Sie auf der Hauptwache.«
    »Sie sollen mich zu Monsieur Orfila begleiten – das klingt nach einem Ausflug.« Mélanie sah ihn kühl an. Ihre Bemerkung war ironisch gemeint. Natürlich war ihr klar, daß dies kein Ausflug werden würde.
    Sie wußte seit mehr als zwei Jahren, daß dieser Moment früher oder später einmal kommen mußte und sie verhaftet werden würde. Sie wußte außerdem, daß Monsieur Orfila nicht unbedingt ein Mensch war, dem gesellige Ausflüge viel bedeuteten. Er war Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität von Paris und hatte sich zum Ankläger von Ärzten erhoben, die mit, wie er es nannte, unorthodoxen medizinischen Verfahren arbeiteten.
    Schon damals, als sie und Samuel nach Paris gekommen waren, hatte Orfila versucht, Samuel am Praktizieren zu hindern. Es war ihm auf die Dauer nicht gelungen, und inzwischen konnte Orfila gegen die Homöopathie nicht mehr wirklich etwas unternehmen, denn sie hatte zu viele Anhänger unter prominenten Personen gewonnen. Politiker, Künstler, Adelige und Bürger zählten zu den Patienten, aber um sich gegen sie zu erheben, eine Frau, die sich erdreistete, zu behandeln und sich damit gegen das Gesetz zu stellen, reichte seine Macht noch aus.
    »Ist es möglich zu erfahren, was Monsieur Orfila mir vorzuwerfen hat?« fragte sie mit spitzem Unterton.
    Mény hob die rechte Augenbraue, sein übriges Gesicht blieb bewegungslos: »Sie führen auf Ihrer Visitenkarte den Titel Docteur en Médicine , wozu Sie nicht berechtigt sind, Madame. Ferner werden Sie beschuldigt, sowohl die Medizin als auch die Pharmazie illegal auszuüben.«
    Mélanie öffnete den Mund zu einer Entgegnung, schloß ihn aber sofort wieder. Eine Weile starrten sie und Mény sich an, dann sagte sie betont ruhig: »Gut. Gedulden Sie sich einen Moment, Messieurs, bis ich mich angekleidet habe. Rose wird Sie in den Salon führen.«
    Wieder in ihrem Schlafzimmer, sah Mélanie auf die Uhr, die auf ihrem Toilettentisch lag. Es war eine von Samuels vielen Uhren; eine mit einem Zifferblatt aus Perlmutt, die Zeiger und Ziffern waren aus Gold.
    »Ach, Samuel, mein Liebster!« Sie seufzte, strich zärtlich über das wertvolle Stück, so als ob sie ihren Mann selbst berührte. Er hatte Uhren geliebt und gesammelt. Apparate, um die Zeit einzufangen, hatte er sie genannt und mit seinem verschmitzten Lächeln angefügt: »Als ob sich Zeit je einfangen ließe!« Dabei hatte er Mélanie angesehen, hatte seine um fünfundvierzig Jahre jüngere Frau mit Blicken liebkost.
    Ein trauriges, sehnsuchtsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann war es wieder so starr und kalt wie zuvor.
    »Noch nicht einmal sieben Uhr!« sagte sie laut und sehr ungehalten, und plötzlich war ihre Wut zu spüren. Wut auf diese Ignoranz, mit der man ihr und damit auch Samuel begegnete. Ihm, le grand homme  – einem Mann, dem die Welt eigentlich danken müßte!
    Sie ging zum Schrank, wählte mit fahrigen Fingern ein Kleid aus blauem Wollstoff, zog es heraus, hängte es aber wieder zurück. Sie hatte es auf ihrem letzten Spaziergang mit Samuel getragen. Es nun bei einer Vernehmung in irgendeinem dunklen Pariser Amtszimmer derart zu entweihen,

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