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DER LETZTE BESUCHER

DER LETZTE BESUCHER

Titel: DER LETZTE BESUCHER
Autoren: Chris Böhm
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    H ell und freundlich lag die Straße in der Sonne . Die Kastanienbäume blühten und warfen flirrende Schatten auf das Pflaster. Die Autos, die vorbeifuhren, schienen blanker als sonst, und die Menschen lächelten sich im Vor übe r gehen zu – es war endlich Sommer geworden . D rinnen in der Wohnung war davon nichts zu merken. Die Vorhänge waren noch z u gezogen . N ur du rch einen schmalen Spalt drang ein verirrter Sonnenstrahl in den dämmrigen Raum und ze r schnitt die tanzenden Stau b körner in der Luft . Irgendwo schlug eine Uhr.
    Helen schreckt e hoch , s ie hatte gar nicht gemerkt, wie spät es schon war. Es war fast Mittagszeit , und sie saß immer noch im Bademantel am Küchentisch und starrte vor sich hin. Die bläuliche Ve r färbung unter ihrem rechten Auge war a n geschwollen und pochte, und ihr ganzer Körper schmerzte. Sie griff mechanisch nach dem Kaffe e becher. Der Kaffee war kalt und schmeckte bitter. Ihre G e danken bewegten sich im Kreis. Sie wollte weg, einfach nur weg . S ie musste sich endlich befreien aus i hrer Einsamkeit, aus dieser Is o lation und vor allem aus ihrer Ehe, die schon lange zu einem Gefängnis für sie geworden war. Aber wie? Und vor allem w o hin?
    Es war totenstill in der Wohnung wie immer , wenn sie allein war. Immer seit damals, seit der Sache mit dem Kind. Sie ertrug keine Musik mehr, Fernsehen gab es nur abends, wenn Daniel pünktlich um zwanzig Uhr die Tage s schau sehen wollte . U nd Freundinnen, die früher noch gelegentlich auf einen Ka f fee vorbeigekommen waren, gab es schon lange nicht mehr. Sogar das Licht störte sie in letzter Zeit. Deshalb hielt sie die Vorhänge meist ens geschlossen und verließ das Haus nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Nach jedem Einkauf kehrte sie fluchtartig nach Hause z u rück. 
    Es gab niemanden, dem sie sich anvertrauen, niemanden, der ihr helfen konnte. Freunde hatte sie keine mehr, dafür hatte Daniel von Anfang an gesorgt, und die wenigen g e meinsamen Bekannten würden ihr nicht glauben. Wenn sie, was selten genug vorkam, irgendwo ei n geladen waren oder , was noch seltener vorkam , selbst einmal Gäste hatten, e r lebten alle Daniel als fürsorglichen und liebevollen Eh e mann, der seiner Frau jeden Wunsch von den Augen ablas. Sie bewunderten ihn dafür und b e dauerten ihn gleichzeitig . Er hatte jedem Einzelnen unter dem Siegel der Ve r schwiegenheit irgendwann einmal anve r traut , dass seine arme Frau psychisch labil sei und unter Depressionen und Wah n vorstellungen leide. Immer wieder schilderte er ausführlich , wie viele Ärzte sie schon bemüht hatten und welche Summen er bereits für erfolglose Behandlungen au s gegeben hatte. Niemand aber kannte den anderen Daniel, den jähzornigen, von Eifersucht zerfressenen , g e walttätigen Daniel. Niemand außer Helen, die ihm hilflos ausgeliefert war. Sie saß in der Falle.
    Helen schaute nachdenklich zu dem gerahmten Foto, das sie du rch die geöffnete Wohnzimmertür in der Bücherwand stehen sah. Ihr erstes offizielles Foto als Ehe paar , nachdem sie damals Hals über Kopf g e heiratet hatten. Es war alles so rasend schnell gegangen. Signor e Saldini, den sie im Urlaub kennengelernt hatten und der zusammen mit seiner Frau als Trauzeuge dabei war , hatte sie fotografiert , als sie aus der kleinen roman tischen Kirche in Cagliari kamen. Sie, im schicken schwarzen Kostüm, strahlte in die Kamera. Er, ein großer kräftiger Mann Ende dreißig, glattes , ausdrucksloses G e sicht, schmale Lippen, sorgfältig gefö h ntes kurzes du nkles Haar, erstklassig geschnittener Anzug, hatte besit z ergreifend den Arm um ihre Schultern gelegt und sah ebe n falls in die Kamera. Seine Augen passten allerdings nicht so recht zu seiner fürsor g lichen Art. Merkwürdig, warum war ihr das früher nie au f gefallen ? Klein und stechend blickten sie nur selten ihr Gege n über direkt an, sondern schauten meistens darüber hinweg ins Leere. Ständig blinzelte er mit den Auge n lidern, als müsse er sich vor allzu grellem Licht schützen. Deshalb trug er auch fast immer eine modische getönte Brille, die das ve r deckte.
    Sie erinnerte sich noch gut daran, a ls sie ihn zum erste n Mal mit dieser Brille gesehen hatte. Damals auf Sardinien , als sie ihn gleich am zweiten Tag auf einem Ausflug ins Lande s innere kennengelernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Nach einer ziemlich unglücklich verlaufenen B e ziehung war sie nach mehr als einem Jahr

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