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Gekauftes Spiel

Gekauftes Spiel

Titel: Gekauftes Spiel
Autoren: Stefan Wolf
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1. Das
grausige Geheimnis der Casa Corto
     
    Auch heute sah der Lamia-See
unheimlich aus. Das Wasser schien schwarz zu sein. Wie die Heimstatt eines
Ungeheuers, dachte Roberto Clausen, aber hier gibt es kein Ungeheuer. Nur diese
schaurige Tiefe. 200 Meter und mehr. Noch niemand ist bis auf den Grund
getaucht.
    Roberto stand am Ufer und korrigierte
den Sitz seiner Sonnenbrille. Der rechte Bügel war etwas verbogen.
Versehentlich hatte sich Roberto auf die sündhaft teure Brille gesetzt, sich
nicht erinnert, dass sie in seiner Gesäßtasche steckte. Dumme Vergesslichkeit.
Er war erst 66, aufrecht und stark wie eine Eiche, aber die Vergesslichkeit
nahm zu.
    Er legte den Kopf in den
Nacken. Über das weite Tal spannte sich ein wolkenloser Sommerhimmel. Es war
heiß in Südtirol. Die sonst schneebedeckten Gipfel der Bergriesen ringsum
hatten ihre weißen Mützen abgelegt und blickten mit schrundiggrauer Stirn herab
ins Tal. Um den mächtigen See reihte sich ein Urlaubsort an den andern.
    Roberto Clausen war der
reichste Mann der Region, seine Vorfahren hatten hier seit Jahrhunderten das
Sagen gehabt. Als letzter Nachfahre von Raubrittern und Würdenträgern erbte er
mit 32 Jahren Ländereien und Güter, Grund und Boden zuhauf. Jetzt war er
Witwer. Gelegentlich litt er unter Gicht, weil er zu viel Fleisch aß und
Schnaps trank. Aber er hatte keine wirklichen Sorgen, jedenfalls nichts, was er
dafür hielt. Und er hatte einen Sohn. Mario.
    Hinter Robert, wo die
Uferstraße Parktaschen hatte, hielt ein Wagen. Die Reifen schmirgelten, und das
klang irgendwie rüpelhaft, denn völlig unnötig heulte der Motor noch mal auf,
bevor er sich ausruhen durfte. Jemand stieg aus. Die Tür wurde zugeworfen,
schloss aber nicht — offenbar war der Sicherheitsgurt dazwischengeraten. Ein
Mann fluchte. Zweiter Versuch. Dann näherten sich Schritte.
    Roberto drehte sich nicht um.
Er versuchte, sich zu erinnern, wem die Stimme gehörte.
    »Hallo, Clausen.«
    Der Mann trat neben ihn.
Natürlich! Der Engländer. Aber er hatte auf Deutsch geflucht, beherrschte die
Sprache sehr gut, sogar den einheimischen Dialekt, und Italienisch sowieso.
Trotz dieser Kenntnisse sah er nicht aus wie jemand, der mit dem Gehirn
arbeitet: ein großer, grobknochiger Vierziger mit rotblondem Haar und vielen
Sommersprossen. Sein Lächeln wirkte immer wie ein Grinsen und durchweg gemein.
    »Hallo, Wilson.«
    Er hieß Edward Wilson. Vor fast
genau einem Jahr hatte ihm Roberto ein abgelegenes Grundstück verkauft. Samt
dem alten Haus aus Natursteinen, das für ihn, Roberto, keinen Nutzen mehr
hatte. Das Anwesen lag in einem der Seitentäler, geeignet für Einsiedler,
Misanthropen (Menschenfeinde), anspruchslose Ferienhaus-Eigentümer oder
Künstler, die Ruhe brauchen. Roberto hatte noch nicht entschieden, in welche
Kategorie Wilson gehörte.
    »Ja, hallo!«, sagte Wilson. Er
hatte eine Zigarette im Mundwinkel. »Ihre Haushälterin sagte mir, dass Sie
vermutlich hier sind. Und siehe da! Sie sind hier.«
    Roberto antwortete nicht
sofort. Der Kerl war ihm unsympathisch. »Sie wollen also zu mir.«
    »Exakt.« Wilson ließ den
Zigarettenrest fallen, trat ihn aber nicht aus.
    Warum habe ich dem das
Grundstück verkauft?, dachte Roberto. Natürlich weil ich’s eilig hatte. Meine
verdammte Ungeduld! Einmal beschlossen und gleich muss es geschehen. Ich hätte
warten sollen auf den nächsten Interessenten. Der wäre bald aufgetaucht. Der
und noch andere.
    »Sie fragen gar nicht, was ich
will. Aber das verrate ich Ihnen gern.« Wilsons Ton klang hämisch. »Zuerst mal
möchte ich den Kaufpreis, den ich Ihnen gezahlt habe — die 150 000 — , die
Kohle will ich zurückhaben. Und noch 150 000 Euro dazu. Fürs Erste. Okay?«
    Roberto drehte sich etwas zur
Seite und sah ihn an. Wilson grinste. Roberto spürte, hatte es immer gespürt,
wie das Raubritterblut seiner Vorfahren auch ihn noch durchströmte. Dazu
gehörten ein hellwacher Instinkt, Kampfbereitschaft und eine eiserne Ruhe.
Deshalb reagierte Roberto auf Wilsons Unverschämtheit mit ausdrucksloser Miene,
ohne Wimpernzucken.
    Aber Roberto wusste sofort:
Wilson redete nicht wirr. Etwas stand bevor, warf dunkle Schatten voraus.
Wilsons einleitende Worte hörten sich an nach Erpressung. Es konnte unmöglich
mit dem Grundstück zusammenhängen. Das karge Stück Land hinter dem dürren
Wäldchen barg kein Geheimnis. Oder doch?
    »Nichts ist okay«, sagte
Roberto. »Aber bitte! Quatschen Sie sich aus.«
    Wilson fingerte eine

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