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Erik der Wikinger

Erik der Wikinger

Titel: Erik der Wikinger
Autoren: Henry Rider Haggard
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    EINFÜHRUNG
    ERIK DER WIKINGER ist ein Roman, der auf den isländischen Sagas beruht.
    Was ist eine Saga? – Ist sie ein Märchen oder eine wahre Geschichte? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach. Denn solche Sagas wie die von Burnt Njal und Grettir dem Starken haben sowohl etwas von der Wahrheit als auch von bloßer Erfindung an sich: die Historiker streiten noch über die Anteile.
    Und so ist die Saga gewachsen: In den frühen Tagen der isländischen Gemeinschaft – jener Aristokratenrepublik –, etwa zwischen den Jahren 900 und 1100 unserer Zeitrechnung, kam es zwischen zwei großen Familien zum Streit. Im Fall der Njal-Saga zum Beispiel war dessen Ursache wahrscheinlich das üble Werk einiger Adelsfrauen. Dieser Streit führte zu einem Totschlag. Dann rief das Blut nach Blut, und augenblicklich setzte eine Blutrache ein, die erst durch den gewaltsamen Tod der Mehrheit der Schauspieler des Dramas und eine große Anzahl ihrer Anhänger ein Ende fand.
    Im Lauf der Fehde traten Männer von heroischer Kraft und Gesinnung an die Front und vollbrachten Taten, die des Eisernen Zeitalters, das sie hervorgebracht hatte, würdig waren. Auch Frauen halfen dabei, die Geschichte zu gestalten, jeweils nach ihren natürlichen Eigenschaften und Charakterzügen zum Guten oder zum Schlechten. Schließlich wurde die Tragödie vom Tod und der Zeit bedeckt und hinterließ nur ein paar verbeulte Wappenschilde und verwunschene Hünengräber, die von jenen erzählten, die die Hauptrollen gespielt hatten.
    Aber ihr Ruhm lebte im Geiste der Menschen weiter. Von Generation zu Generation wanderten Skalden durch den winterlichen Schnee, so wie Homer in seinen Tagen vielleicht über die griechischen Berge und durch die Täler gewandert ist, um wegen der Geschichte aus alter Zeit, die sie zu erzählen hatten, an jedem Ort willkommen geheißen zu werden. Hier saßen sie Abend für Abend am Herd und vertrieben die Müdigkeit der tageslosen Dunkelheit mit Geschichten aus jener Zeit, in der die Männer ihr Leben selbst in die Hand nahmen und es für gut verbracht hielten, wenn der Nachwelt ein Lied über sie in Erinnerung blieb. Die Geschichte zu verändern war eins der größten Verbrechen: der Skalde mußte sie wiederholen, wie er sie vernommen hatte; doch zweifellos erfuhren die Sagas nach und nach eine Veränderung. Die Fakten mochten die gleichen bleiben, doch um sie herum braute sich ein Dunst aus wundersamen Geschehnissen und Legenden zusammen.
    Ein Beispiel von vielen: der Bericht über das Niederbrennen von Bergthorsknoll in der Njal-Saga ist nicht nur ein Stück erzählende Literatur, dessen lebendige, einfache Kraft und Einsicht (abgesehen von Homer und der Bibel) kaum anderswo erreicht wird, er entspricht auch offensichtlich der Wahrheit. Beim Lesen spüren wir, daß kein Mensch diese Geschichte erfunden haben kann, obwohl einige große Skalden sie in ihre Form gebracht haben. Daß die Erzählung wahr ist, kann der Verfasser von »Erik« bezeugen, denn er ist – mit der Sage in der Hand – an Ort und Stelle jedem Akt des Dramas gefolgt.
    Wer auf dem einsamen Hügel gräbt, von dem man über die Ebene und die See bis zu den Westman-Inseln blicken kann, wird vielleicht noch Spuren des Brandes finden und entdecken, was möglicherweise der schwarze Sand ist, mit dem vor etwa neunhundert Jahren Bergthora und ihre Frauen den Lehmfußboden bestreut haben, und vielleicht sogar die fettigen, zu Klümpchen geronnenen Überreste der Molke, die sie auf die Flammen schütteten, um sie auszulöschen.
    Er entdeckt vielleicht auch die Orte, wo Flossi sein Heer aufstellte, wo Skarphedinn singend starb, während man ihm die Beine vom Leib brannte; wo Kari von der in Flammen stehenden Ruine sprang, und das kleine Tal, in dem er zur Ruhe gebettet wurde. – Kurz gesagt, bei jedem Schritt wird die Wahrheit der Erzählung immer offensichtlicher. Und doch hat man der Geschichte Dinge hinzugefügt (es sei denn, wir glauben, daß manche Menschen mit dem Zweiten Gesicht gesegnet sind), denn wir können die prophetische Vision nicht für wahr halten, die Runolf, Thorsteins Sohn, kam; oder die Njals, der am Vorabend des Gemetzels wie Theoklymenus in der Odyssee die ganze Tafel und das darauf liegende Fleisch als »eine einzige Masse aus geronnenem Blut« sah.
    So entspricht also in dem Nordischen Roman, den ich den Lesern nun anbiete, die Geschichte Eriks und seiner Taten der Wahrheit; aber Asmunds Traum, Swanhilds Zauberei, der Zwischenfall

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