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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung
Autoren: Dan Simmons
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Pforten der Zeit
      
      
      

    Wir dürfen nicht vergessen,
    dass die menschliche Seele,
    wie unabhängig auch erschaffen
    und von unserer Philosophie
    als seiend dargestellt,
    in Geburt und in Wachstum
    untrennbar ist
    von dem Universum, in das
    sie hineingeboren wird.

    TEILHARD DE CHARDIN

      
      
      
    Gebt uns Götter. Oh, gebt sie uns!
    Gebt uns Götter.
    Wir sind so müde der Menschen
    und der Motorkraft.

    D. H. LAWRENCE

      
      

1

    Sie lesen dies aus dem falschen Grund.
    Falls Sie dies lesen, um zu erfahren, wie es war, mit einer Erlöserin zu schlafen – unserer Erlöserin –, dann sollten Sie nicht weiterlesen, denn Sie sind wenig mehr als ein Voyeur.
    Falls Sie es lesen, weil Sie ein Fan der Cantos des alten Dichters sind, und besessen vor Neugier, wie sich das weitere Leben der Pilger nach Hyperion gestaltet hat, werden Sie enttäuscht werden. Ich weiß nicht, was aus den meisten von ihnen geworden ist. Sie lebten und starben fast drei Jahrhunderte vor meiner Geburt.
    Falls Sie dies lesen, um ein besseres Verständnis für die Botschaft Derjenigen Die Lehrt zu bekommen, dürften Sie ebenfalls enttäuscht werden. Ich muss gestehen, ich habe mich mehr für sie als Frau interessiert, weniger als Lehrmeisterin oder Erlöserin.
    Und falls Sie dies schließlich lesen, um etwas über ihr Schicksal oder auch mein Schicksal zu erfahren, lesen Sie das falsche Dokument. Unser beider Schicksale scheinen zwar so sicher zu sein wie nur irgendetwas, aber ich war nicht bei ihr, als ihres ausgespielt wurde, und mein eigenes harrt seines letzten Akts, noch während ich diese Worte schreibe.
    Ich wäre erstaunt, falls Sie das überhaupt lesen. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass mich Ereignisse in Staunen versetzen. In den vergangenen Jahren folgte ein unwahrscheinliches Vorkommnis auf das andere, jedes wundersamer und scheinbar unausweichlicher als das vorhergehende.
    Jemanden an diesen Erinnerungen teilhaben zu lassen ist der Grund, weshalb ich schreibe. Vielleicht besteht darin aber nicht einmal meine Motivation – da ich durchaus weiß, dass das Dokument, das ich verfasse, wahrscheinlich niemals gefunden werden wird –, sondern ist einfach darin begründet, dass ich die Abfolge der Ereignisse festhalten möchte, damit ich ihnen in meiner Vorstellung eine Struktur geben kann.
    »Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich sehe, was ich sage?«, hat ein Schriftsteller vor der Hegira einmal geschrieben. Genau. Ich muss die Dinge sehen, damit ich weiß, wie ich darüber denken soll. Ich muss die Ereignisse schwarz auf weiß sehen, die Emotionen im Druck, damit ich glauben kann, dass sie mir tatsächlich widerfahren sind und mich berührt haben.
    Falls Sie es aus demselben Grund lesen, aus dem ich es schreibe – um einen Sinn in das Chaos der letzten Jahre zu bringen, um den weitgehend willkürlichen Ereignissen, die unser aller Leben in den vergangenen Standarddekaden beherrscht haben, eine Ordnung aufzuzwingen –, dann lesen Sie es vielleicht doch aus den richtigen Gründen.
    Wo soll ich anfangen? Möglicherweise mit einer Todesstrafe. Aber wessen
    – meiner Todesstrafe oder ihrer? Und wenn mit meiner, mit welcher? Ich hätte die Auswahl aus mehreren. Vielleicht ist diese letzte am angemessensten. Am Ende anfangen.
    Ich schreibe dies in einer Schrödinger-Katzenkiste hoch im Orbit um die Quarantänewelt Armaghast. Die Katzenkiste ist eigentlich gar keine Kiste, eher ein Oval, etwa sechs mal drei Meter, mit glatter Hülle. Sie wird bis an mein Lebensende meine ganze Welt sein. Das Innere meiner Welt besteht größtenteils aus einer spartanischen Zelle mit einem Luft- und Wasseraufbereiter, einer so genannten Black-Box, meiner Pritsche, der Nahrungsmittelsyntheseeinheit, einem schmalen Tresen, der mir als Ess-und Schreibtisch zugleich dient, und schließlich Toilette, Waschbecken und Dusche, die sich aus Anstandsgründen, welche sich meinem Verständnis entziehen, hinter einer Glasfasertrennwand befinden. Niemand wird mich je hier oben besuchen. Privatsphäre ist ein schlechter Witz.
    Ich besitze einen Textschiefer und Schreiber. Wenn ich mit einer Seite fertig bin, übertrage ich sie auf Mikropergament, das mir die Wiederaufbereitungsanlage liefert. Das langsame Anwachsen der hauchdünnen Seiten ist die einzige, Tag für Tag sichtbare Veränderung meiner Umgebung. Die Giftgasampulle ist nicht zu sehen. Sie befindet sich in der statisch-dynamischen Hülle der Katzenkiste und ist dergestalt mit

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