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Elfmeter fuer die Liebe

Elfmeter fuer die Liebe

Titel: Elfmeter fuer die Liebe
Autoren: Lex Beiki
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meinen Hals bohrte.
     
    Nachdem ich mich soweit erholt hatte, dass ich mich erheben und fortbewegen konnte, lotste man mich in die Küche und flößte mir ein herzhaftes Frühstück ein, das für mich Müsligewöhnte wie ein obszönes Festmahl anmutete. Wohl Reste von gestern. Jedenfalls war es schon so lange her, dass ich ordentliche Hausmannskost aufgetischt bekommen hatte, dass ich mich auf den Kartoffelsalat stürzte wie ein verhungerter Streuner; sehr zur Zufriedenheit Elses.
    „Sag mal, ist das nicht dein Handy?“, fragte sie mich nach einer Weile – ich verdaute gerade die vierte Tasse Tee. Da war es wieder, das infernalische Piepen, das mich in diesen Alptraum gerissen hatte. Ich wollte es klingeln lassen, es war schließlich nicht mein Handy, sondern gehörte sicherlich demjenigen, in dessen Leben ich so unfreiwillig steckte. Doch Herbert war so freundlich, das Gerät aus dem David Beckenrand Zimmer zu holen und damit vor meiner Nase herumzufuchteln. Ich würde noch Till wecken mit dem Geplärre, hielt er mir vor. Till. Das war wohl der immer noch selig schlummernde Teenager.
    Sehr vorsichtig meldete ich mich mit einem genuschelten Morgengruß. Vielleicht, hoffte ich für einen kurzen Moment kindisch, war es das Universum, das sich für seinen Fehler entschuldigen und mich wieder zurück in meinen Körper bringen wollte. Doch die Stimme am anderen Ende hörte sich mehr nach jungem, irritierten Mann an als nach zähneknirschendem Universum.
    „Tobi, sag mal, pennst du noch?“, wollte er wissen, nachdem er sich nichtmal vorgestellt hatte.
    Ich gab ein Geräusch von mir, das der Anrufer als Zustimmung oder Ablehnung interpretieren mochte.
    „Ich klingel schon die ganze Zeit. Wir müssen doch los!“
    Langsam, denn die Worte formten sich nicht leicht in dem fremden Mund, stammelte ich die Frage, wer denn da sei.
    „Cem wer?“, wiederholte ich auf seine verwirrte Antwort. Else atmete erleichtert aus. Sie nahm mir liebevoll aber bestimmt das Telefon aus den Fingern und ich ließ sie. Mit einem Ohr hörte ich zu, wie sie mit dem Anrufer irgendetwas von „Abholen“ und „Fühlt sich nicht gut“ und „Herbert kann ihn auch bringen“ schnatterte. Wie um das Letzte zu bestätigen, nickte Herbert mir aufmunternd zu.
    Vor meinem inneren Lektor resümierte ich: Erstens, ich hatte das Geschlecht gewechselt. Zweitens, mit der Körperänderung hatten sich auch meine Lebensumstände drastisch geändert, schien ich doch nun Sohn in einer Großfamilie zu sein. Mein Alter war mir nicht klar, eventuell jünger als ich. Drittens hatte ich offensichtlich einen Freund oder jedenfalls Arbeitskollegen namens Cem, der mich in einer halben Stunde zu einem wichtigen Termin abholen würde. Und viertens, nun viertens war ich, solange diese Scharade noch anhielt, wohl von jeglichem Druck Seitens meiner Agentur befreit. Meine Panik war also durchzogen von einer gewissen Erleichterung, wie Eiscreme mit Schokoladenstückchen.
    „Warum will er denn jetzt auch noch Eiscreme?“, wunderte Herbert sich. Meinen letzten Gedanken hatte ich wohl laut ausgesprochen.
    Dann klingelte es an der Tür.
     
    Zehn Minuten später versuchte ich vergeblich, einer jungen Russin klarzumachen, dass ich nicht der war, für den mich alle hielten.
    Roxana Weizenfeld schien eine spirituell gefestigte Person zu sein, also wagte ich es, ihr meinen Namen und meine Lebensumstände zu nennen.
    „Okay“, antwortete sie, in einem Tonfall, der annehmen ließ, dass diese Unterhaltung sich auf einem Territorium bewegte, das von ‚Okay‘ so weit entfernt war wie man sich vorstellen konnte.
    „Tobias, du stehst einfach gerade unter Druck“, erklärte sie mir mit einem sanften, rollenden R. „Da kommt gerade alles zusammen für dich. Aber warum liest du denn so was ?“
    Diese direkte Frage irritierte mich kurz.
    „Evelin Sirup“, wiederholte Roxana. „Das ist doch garnicht dein Geschmack.“
    Die Welt hörte auf sich zu drehen. Meine Theorie, ich sei vielleicht in eine andere Realität geraten, in der ich aus mir unerfindlichen Gründen als Junge zur Welt gekommen war, verpuffte vor meinem geistigen Auge wie ein Vampir im Sonnenschein. Mir verschlug es Sprache und Körperbeherrschung, mein Mund war so groß und aufgerissen wie meine Augen. Ich musste ein herrlich debiles Bild abgeben, dachte ich hysterisch, während der Rest meines Verstandes versuchte, die Puzzleteile neu zu sortieren.
    Wenn ich Tobias Weizenfeld war, den es tatsächlich zu geben

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