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Elfennacht 01. Die siebte Tochter

Elfennacht 01. Die siebte Tochter

Titel: Elfennacht 01. Die siebte Tochter
Autoren: Frewin Jones
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I
    A nita Palmer kam aus der Dusche, schnappte sich ein Handtuch und wickelte es sich um. Dann tapste sie zum beschlagenen Spiegel, wischte einen Streifen frei und betrachtete ihr Spiegelbild.
    Die langen roten Haare klebten ihr am Kopf wie Seetang an einem Fels und umrahmten ihr herzförmiges Gesicht mit dem breiten Mund und den hohen Wangenknochen. Sie beugte sich vor und musterte ihre Augen. Die Iris war rauchig grün. Keine besonderen Auffälligkeiten.
    Oder doch?
    Sie beugte sich weiter vor.
    Da waren tief in der grünen Iris Goldtupfe r – genau die hatte sie gesucht.
    Wenn man nur lange genug hinschaute, könne man Goldstaub in ihren Augen sehen, hatte Evan gesagt.
    Anita grinste.
    Goldstaub in ihren Augen.
    Manchmal, wenn sie mit Evan zusammen war, glaubte sie fast wirklich, dass sie Goldstaub in den Augen hatte.
    Sie runzelte die Stirn.
    Ganz schön unheimlich– die Gefühle, die Evan Thomas in ihr auslöste.
    In den letzten Wochen hatte sie dauernd an Evan gedacht, fast so, als hätte ihn jemand in ihr Hirn einprogrammiert. Ständig und überall sah sie sein Gesicht vor sich, sei es in der kreisenden Oberfläche eines frisch gebrühten Kaffees, im Wechselspiel von Licht und Schatten, in den Wolken oder hinter ihren geschlossenen Augenlidern.
    Sie musste an ein paar Verszeilen aus dem Theaterstück denken, das sie gerade für die Aufführung am Schuljahresende probten. Shakespeares »Romeo und Julia«.
    Im Geiste hörte sie Evans Stimme: »Doch still, was schimmert durch das Fenster dort? Es ist der Ost und Julia ist meine Sonne!«
    Sie hatte gesagt: »Das stimmt aber nicht ganz, Evan. Romeo sagt: ›… und Julia die Sonne! ‹ – nicht meine Sonne.«
    Lächelnd hatte er geantwortet: »Nein, du bist Julia und du bist ganz eindeutig meine Sonne.«
    Dann hatte er ihr in die Augen geblickt und sie hatte das Gefühl gehabt, alles um sie herum drehe sich.
    Sie lachte ihrem Spiegelbild zu und schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. Noch immer grinsend schlang sie sich das Handtuch um den Kopf und rubbelte sich das Haar trocken. Sie wollte nicht zu spät zu ihrem Treffen mit Evan komme n – nicht ausgerechnet heute!
    Als sie mit dem Handtuch versehentlich die beiden schmerzenden Stellen am Rücken berührte, zuckte sie zusammen. Sie drehte sich so zum Spiegel, dass sie ihre Schulterblätter sehen konnte. Irgendetwas hatte sie dort gestochen. Gleich zweimal: Auf jedem Schulterblatt prangte ein leicht entzündeter roter Punkt. Und zwar schon seit ein paar Tagen. Sehr lästig, und noch dazu an so einer blöden Stelle, wo man kaum hinkam, um sich zu kratzen. Sie würde sich etwas anziehen müssen, was ihren Rücken bedeckte. Schließlich wollte sie auf keinen Fall, dass Evan dachte, sie hätte Flöhe.
    Wieder blickte sie in den Spiegel.
    Liebte sie Evan wirklic h – oder brachte sie das nur mit ihrer Rolle in dem Theaterstück durcheinander? Nein, sie war sich sicher, dass da mehr war. Sie hatte gleich so ein seltsames Flattern im Bauch gespürt, als sie die Rolle der Julia beka m – und während der Probenwochen war das Kribbeln immer stärker geworden, je besser sie ihn kennenlernte.
    Sie dachte an das Casting zurück. Dass Evan überhaupt dort aufgetaucht war, hatte alle überrascht. Er war erst seit sechs Monaten an der Schule und hatte eher zurückhaltend gewirkt. Jedenfalls nicht wie der Typ, der sich um die Hauptrolle in einem Theaterstück bewarb. In der Klasse war er freundlich, aber er hatte keine engen Freunde und seine Mitschüler hielten ihn eher für einen Einzelgänger. Niemand hatte ihn bis jetzt zu sich nach Hause eingeladen und an Wochenenden hatte er nicht mit ihnen herumgehangen oder war auf irgendwelchen Partys erschienen.
    Anita konnte sich noch ganz genau daran erinnern, wie sie Evan zum ersten Mal gesehen hatte. Es war am Tag ihres Schulausflugs zum Hampton Court Palace in Richmond im Westen Londons gewesen.
    Was für ein seltsamer Tag! Sie wusste, dass man es Déjà-vu nannte, wenn man lebhafte Erinnerungen an einen Ort hatte, an dem man eigentlich noch nie gewesen war. Doch genau dieses Gefühl hatte sie sofort beschlichen, als der Bus auf den Parkplatz gefahren war und sie das Schloss aus dem 16 . Jahrhundert erblickt hatt e – das Gefühl, dass sie schon einmal hier gewesen war. Die stämmigen Tudor-Türmchen und das Gebäude aus rotem Backstein mit seinen sandfarbenen Steinzinnen und Verzierungen sowie der kopfsteingepflasterte Innenhof und die große Gartenanlag e

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