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Einfach hin und weg

Einfach hin und weg

Titel: Einfach hin und weg
Autoren: Gerhard Jansen
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19.05.2007 MG – Aachen – Brüssel – Paris – Bayonne
     
    In aller Herrgottsfrühe werde ich wach.
    Ich habe schlecht geschlafen, bleibe noch ein wenig liegen und grübel ein paar Minuten vor mich hin.
    Auf diesen Moment habe ich lange gewartet! Endlich geht's los. Ich mache mich auf den Weg nach Santiago de Compostela über den Jakobsweg.
    Seit Wochen und Monaten habe ich geträumt und geplant. Reiseberichte studiert, die mich aber auch nicht viel weiter gebracht haben. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt.
    Nervosität macht sich breit und das Herz klopft, der Situation entsprechend, ein paar Takte schneller. Bammel vor der gewaltigen Strecke. Na klar, fast 1000 km sind kein Pappenstiel.
    Angst? Nein, wenn überhaupt dann spüre ich eine gesunde Anspannung und einen gewissen Respekt vor der Strecke.
    Natürlich habe ich vorher geübt. Anfänglich Spaziergänge im Wickrather Wald, dann stramme Wanderungen entlang der Niers bis Schloss Rheydt und zurück. Schließlich Einlaufen der neuen Wanderschuhe und unter Mitnahme des Gepäcks im Rucksack ein Dreitagesmarsch rund um Mönchengladbach. Der letzte Tag endete bei einem Pensum von etwa 40 km. Danach wurden Blasen verpflegt, verspannte Muskeln behandelt und eine Ruhepause eingelegt. Zeit, um neue Zweifel und merkwürdige Gedanken aufkeimen zu lassen........
    Muss es denn wirklich der ganze Camino sein? Nein, er muss es nicht sein, aber ich möchte ihn von Anfang bis zum Ende gehen. Keiner zwingt mich. Also weg mit den merkwürdigen Gedanken ab in die Tonne. Der Inhalt der Tonne verfolgte mich schon nach wenigen Tagen, wurde noch manche Stunde zum Begleiter!
     
    Um 9 Uhr morgens schultere ich Rucksack und Brotbeutel.
     
    Natürlich viel zu viel Gepäck. 11 kg Rucksack und 5 kg im Ranzen inklusive frisch gebackener Frikadellen. Bevor der Marsch am Montag richtig losgeht, muss ich bestimmt noch einmal ausmisten. 16 kg Gepäck über die Pyrenäen und weiter zu schleppen ist ohne Zweifel zu viel.
    Brigitte, seit fast 35 Jahren meine Frau, bringt mich auf ihren Wunsch hin bis Aachen. Beim Abschied ein paar Tränchen und stilles Verstehen. Ich hoffe, sie kommt einige Wochen ohne mich aus, lernt, eine Zeit lang ohne mich zu leben. Ein wenig Abstand wird unserer Beziehung vielleicht gut tun.
    Über Lüttich und Brüssel fährt der Zug nach Paris. Im Nordbahnhof steige ich aus, fahre rüber zum Bahnhof Montparnasse mit der U- Bahn. Das ist die erste Prüfung: Wanderung mit vollem Gepäck durch endlose unterirdische Gänge, die immer tiefer führen. Gutes Training.....
    Ich besiege die aufkommende Platzangst. Weiter geht's im TGV über Bordeaux nach Bayonne. Ankunft gegen 20.30 Uhr.
    Direkt neben dem Balmhof liegt das Hotel „Paris - Madrid“. Ich bekomme das letzte noch freie Zimmer, simpel aber sauber für € 28.- mit Frühstück.
    Kurzer Spaziergang durch die Stadt und danach ab ins Bett.
    Morgen früh geht der Zug um 8.30 Uhr Richtung St.-Jean-Pied-de-Port zum Ausgangspunkt der Reise.
    Der erste Tag war gut!
     

20.05.2007 St.-Jean-Pied-de-Port
     
    In St.-Jean-Pied-de-Port verlassen ca. 20 Leute den Zug, davon 15 Männer und Frauen, die sich bestimmt nach Santiago aufmachen. Wenn denn die großen Rucksäcke auf den Rücken den Pilger ausmachen.
    Alle laufen in Richtung Altstadt, um sich anzumelden und einzutragen.
    Im Zug habe ich Renée, eine Amerikanerin, und Cameron, einen Australier, getroffen und zusammen gehen wir ins Pilgerbüro. Kurzes Formular ausfüllen und wir bekommen den Pilgerpass, kaufen eine Muschel dazu, die wir an den Rucksack binden, und schon haben wir den offiziellen Pilgerstatus, der Krankenhäuser, Polizei und sämtliche Behörden anweist, uns bei eventuellen Schwierigkeiten zu helfen.
    Im Refugium oder in einer der Pilgerherbergen möchte ich nicht übernachten. Es wimmelt nur so von Leuten auf den Straßen, heute etwa 250 an der Zahl, die entweder aufbrechen oder zurückkommen. Satzfetzen in zahlreichen Sprachen und Dialekten klingen in den Ohren und alles ist „very interesting.“ Der Aussi, Renée und ich werden gefragt, wo wir herkommen und was wir machen. Als Cameron den Beruf eines Fruitpickers angibt, erklingt ein allgemeines „oh God“ und „how interesting“ als wäre es nicht die normalste Sache der Welt, einen leibhaftigen Obstpflücker vor sich zu sehen. Jeder versucht über jeden etwas raus zu finden und das geht mir gewaltig gegen den Strich.
    Ich setze mich ab und finde in einem Privathaus ein Einzelzimmer.

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