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Eine Braut fuer Lord Sandiford

Eine Braut fuer Lord Sandiford

Titel: Eine Braut fuer Lord Sandiford
Autoren: Julia Justiss
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1. Kapitel
     
    Oberst Lord St. John Sandiford hielt sich mit den Händen, die in Lederhandschuhen steckten, an dem Geländer auf der Windseite des Schiffes fest. Eine Bö drohte ihm den Tschako vom Kopf zu blasen, während er in den grauen Nebelschleier blickte. Als für einen Augenblick die Wetterwand aufriss, sah er in der Ferne die Küstenlinie von England. Der Eroberer, der Held – endlich aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt.
    Als er den Mund in bitterer Ironie verzog, vernahm er ein lautes "Hallo", das wohl ihm galt. Er drehte sich um und entdeckte Leutnant Alexander Standish, der hinkend auf ihn zukam; bei dem starken Seegang tat er sich noch schwerer mit dem Gehen als sonst. Als das Schiff unter lautem Dröhnen in eine sich brechende Welle stieß, schien der Soldat sein mühsam erkämpftes Gleichgewicht zu verlieren. Sandiford sprang auf ihn zu und streckte ihm die Hände entgegen.
    "Halten Sie sich fest, Alexander", schrie er gegen den Wind. Zu seiner Erleichterung zögerte der Leutnant keinen Moment, sondern nahm dankbar die Hilfe an. Gemeinsam stolperten sie zur Reling und klammerten sich daran.
    "Danke, Oberst", keuchte der junge Mann, den die Anstrengung atemlos gemacht hatte. Sandiford betrachtete ihn aufmerksam und stellte beruhigt fest, dass der Glanz in den Augen des Leutnants diesmal von der Aufregung und nicht vom Fieber herrührte. "Sieht ganz so aus, als ob ich noch immer wackelig auf den Beinen wäre."
    "Sie hätten bei diesem Sturm nicht an Deck kommen sollen." Sandiford milderte seinen Tadel mit einem Lächeln. "Ich möchte nicht, dass Sie eine Meile vor der Küste von Bord gespült werden, nachdem ich über Monate hinweg auf dem Schlachtfeld und im Lazarett Ihr Kindermädchen gespielt habe."
    Der Leutnant erwiderte das Lächeln. "Ich vermute, dass es nicht sehr klug von mir war, aber … ich wollte unbedingt einen Blick auf die Heimat erhaschen. Ich muss zugeben, dass es mich überrascht, Sie hier oben zu sehen. Denn ich hatte angenommen, dass Sie bereits im Spanienfeldzug oft genug der Kälte und Nässe ausgesetzt gewesen waren. Sie müssen genauso gespannt sein wie ich."
    Die Zurückhaltung, die der Oberst sich in den Monaten des diplomatischen Dienstes beim Duke of Wellington angewöhnt hatte, hielt ihn davor zurück, zu erklären, dass er dem Gerede unter Deck hatte entkommen wollen und deswegen nach oben gegangen war. Stattdessen sagte er: "Wenn Sie gespannt genug sind, es zu riskieren, den Fischen als Fraß zu dienen, muss wohl Lady Barbara selbst am Pier auf Sie warten."
    Die eingefallenen Wangen des Soldaten erröteten. "Natürlich nicht, auch wenn es der wunderbarste Willkommensgruß wäre, den ich mir vorstellen kann. Ich … ich kann nur hoffen, dass sie noch immer in London wartet. Bevor ich in das Regiment eintrat, wurde nichts offiziell verkündet. Und jetzt …" Er holte tief Luft und schluckte. "Ihre Eltern wünschen sich vielleicht einen Mann für sie, der noch … noch gesund ist."
    Wie oft sich doch die Dinge verändern, während die Soldaten draußen im Kampf sind und sterben. Dieser Gedanke ließ in Sandiford wieder einen Zorn aufsteigen, den er in den letzten drei Jahren nicht völlig hatte überwinden können. Erneut musste er die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, unterdrücken. "Unsinn", erwiderte er. Freundlich klopfte er dem Leutnant auf die Schulter. "Ihre Familie könnte sich keinen besseren Mann für ihre Tochter wünschen als einen der unvergleichlichen Helden, die den Tyrannen Napoleon ein für alle Mal verjagt haben. Ein reicher Held noch dazu, wenn das Gerede über den Wohlstand Ihres Vaters zutrifft. Außerdem können Sie jedem erzählen, dass Ihr Pferd viel schlechter davongekommen ist. Das mussten wir schließlich erschießen."
    Wie er gehofft hatte, musste der junge Mann lachen. "Trotz der Verletzung an meinem Bein kann ich Gott sei Dank noch immer reiten, wenn ich die Zügel mit meiner gesunden Hand halte. Ganz gleich, wie sich Lady Barbaras Vater entscheidet – ich habe mehr Glück als viele andere gehabt."
    Einen Moment lang schwiegen die beiden und dachten daran, wie wenige – unvorstellbar wenige – ihrer Kameraden lebend dem Schlachtfeld von Waterloo entkommen waren.
    "Wie steht es mit Ihnen, Oberst? Nach einem langen Jahr in der Fremde wartet doch sicher eine Dame ungeduldig auf Ihre Rückkehr."
    Vor Sandifords innerem Auge erschien ein Gesicht, das er jedoch sofort erfolgreich verdrängte. "Ich bin schon viel länger fort gewesen",

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