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Diesen Partner in den Warenkorb legen

Diesen Partner in den Warenkorb legen

Titel: Diesen Partner in den Warenkorb legen
Autoren: Annabel Dilling
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Einleitung: Same game, new rules
    Die Liebe gibt’s jetzt auch mit TÜV -Siegel. Jährlich überwacht der TÜV Süd, ob die Partnervermittlung ElitePartner in der Lage ist, »die versprochenen Leistungen tatsächlich zu erfüllen«. Ein anderer Anbieter, Parship, verweist auf sein Stiftung-Warentest-Urteil »gut«. Und die Flirtseite Neu.de lockte vor einiger Zeit mit einer Geld-zurück-Garantie, wenn sich bei einem Mitglied auch nach einem halben Jahr kein Herzklopfen einstellen wollte.
    Ein warmer Mantel aus Qualitätssicherung und Kundenservice umgibt den sehnsuchtsvollen Single von heute. Es ist offensichtlich: Die Konsumlogik mit all ihren bizarren Begleiterscheinungen hat auch die letzte Bastion erobert, die Herzregion. Beziehungsglück ist ein Produkt geworden, das man bewerben und verkaufen, bewerten und einfordern kann.
    Und doch beschreibt dieses Buch keinen Niedergang des Romantischen, keinen Abgesang auf die Gefühlswelt. Trotz TÜV -Siegel, Stiftung Warentest und Geld-zurück-Garantie – es sind gute Zeiten für die Liebe.
    Denn die Paarbeziehung ist mehr als jemals zuvor das Nonplusultra in unserer Gesellschaft. Sie ist das, »was im Leben wirklich zählt«, die Grundlage der Klein- und Patchworkfamilie, der unbestrittene Weg zum Glück. Die Liebesbeziehung ist der Kokon, in den wir uns vor den Ungerechtigkeiten und Anstrengungen der Welt flüchten, der uns zu etwas Schönerem werden lässt, »weil nur die Liebe schafft, dass wir uns unendlich fühlen«, wie der Philosoph Wilhelm Schmid sagt.
    Noch nie waren die Glücksversprechen, die von Liebesbeziehungen ausgehen, so groß wie heute. Das sieht man schon an der Skepsis, die Singles entgegengebracht wird. Allenfalls als Übergangsphase von der einen in die andere Beziehung ist das Alleinsein akzeptiert, aber nicht als freiwilliger Lebensentwurf auf Dauer. Oder fällt einem auch nur ein Prominenter ein, der bekennender Junggeselle ist? Oder ein Kinofilm, in dem die Hauptfigur am Ende noch immer Single ist? Nein, das Ziel für die meisten um die dreißig ist der Hafen der Ehe oder, weniger endgültig, die Paarbeziehung auf Zeit.
    Die Fiktion im Kino spiegelt eine gesellschaftliche Realität wider: Die meisten hangeln sich heute von Partner zu Partner. Natürlich muss niemand mehr hinnehmen, in einer Beziehung dauerhaft unglücklich zu sein, sich zu trennen ist immer eine Option. Anders als ihre Großeltern und Eltern können die heute Dreißig- bis Vierzigjährigen selbst entscheiden, mit wem sie zusammen sein möchten über die Grenzen von Milieus, Bildungsniveaus, Städten und Ländern, Alter und Geschlecht hinweg. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: In einer Multioptionsgesellschaft wie der unseren, wo an jeder Ecke noch eine bessere Version unseres Lebens warten könnte, hat sich auch die Frequenz erhöht, mit der Bindungen eingegangen und gelöst werden. »Die Liebe währt drei Jahre« heißt ein Roman von Frédéric Beigbeder – ein sehr treffender Satz, schaut man sich moderne Liebesbiografien an. Die Dreißigjährigen von heute haben schon doppelt so viele Beziehungen geführt, wie es in der Generation ihrer Eltern bis zu diesem Alter üblich war – und die Dauer ihrer Beziehungen wird kürzer. Wir probieren und irren. Trial and Error.
    Was ist der Grund für dieses Flickwerk an Beziehungen? Liegt die Ursache für das Irren, wie Richard David Precht schreibt, tatsächlich in unseren überzogenen Erwartungen? Im »Wunsch, unseren wahren Kern in die Schokolade der Romantik zu tauchen«? Immer auf’s Neue? Oder wollen wir uns einfach nicht festlegen? Ist unser Abwechslungsbedürfnis, unser variety drive, wie es die israelische Soziologin Eva Illouz nennt, zu hoch?
    Montagmorgen, 8 Uhr 30, eine Bushaltestelle in Köln. Zwanzig müde Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Manche halten eine Zeitung in der Hand, andere tippen etwas in ihr Handy, viele haben die Worte noch im Kopf, die ihnen ihr Partner beim Zuziehen der Wohnungstür hinterhergerufen hat. Jeder Vierte ging ohne »bis heute Abend« aus dem Haus – weil da keiner ist, der etwas gesagt hat. Von zwanzig Kölnern zwischen 18 und 59 Jahren sind statistisch fünf Singles – in Berlin und München sind es noch mehr, in anderen Großstädten etwa gleich viele. 1
    Während sich die Wartenden an ihren To-go-Kaffees festhalten, strahlt sie von einem Plakat ein Liebespaar an – die Werbung einer Partnerbörse. »Wir hatten den Glauben an die Liebe schon fast verloren« steht da. Die

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