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Die Tätowierung

Die Tätowierung

Titel: Die Tätowierung
Autoren: Helene Tursten
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PROLOG
    Durch nichts ließ der Wind auf das Entsetzliche schließen. Im Gegenteil. Für Anfang Mai war die tanggesättigte Meeres b ri s e, die vom ei s igen Wasser herüberwehte, erstaunlich m ild. In den niedrigen W ellenkäm m e n funkelte die Sonne und versuch t e so zu tun, als sei der S o mmer bereits gekommen. Es war e i n er dies e r ungewöhnlich war m en Frühli n gstage, die so schnell wieder verschwinden, wie sie geko mm en sind.
    Die Frau m it dem schwarzen Labrador war allein unten am Strand. Der Hund tat, was er konnte, um eine Lach m ö we aufzuscheuchen, die nur wenige Meter über der W asserfläche ihre Kreise zog und ihrem N a m en alle Ehre ei n l egte.
    Schließlich war der Hund die ärgerliche Möwe leid. Un m ittelb a r am W asser, bei dem von den W i nter s t ür m en angeschwemmten Treibgut, fand er einen schweren Ast, den er sich schnappte. Er war über einen Meter lang und ließ sich nur schwer in der Schnauze balancieren. Leicht schwankend nahm er Kurs auf seine Besitz e rin. Flehenden Blickes legte er ihr den g r auen, von Sonne und Salzwasser gebleichten Ast vor die Füße. Sie beugte sich vor und versuchte vergeblich, e i n Stück davon abzubrechen. Schließlich gab sie es auf und warf den ganzen Ast unbeholfen und nicht sehr weit, was den Hund nicht weiter störte. Eifrig rannte er los und trug ihn stolz zu ihr zurück, ließ sich loben und kraulen, ließ sein schönes Spielzeug wieder auf den Boden f a llen und wartete ungeduldig darauf, dass sie den Ast ein weiteres Mal schleudern würde. Sein glänzen d es schwarzes Fell b ebte v o r ungebändigter Kraft. In dem Mo m e nt, in dem sie den Ast erneut über den Kopf schwang, machte er schon einen Satz nach vorne.
    Es war ein lustiges Spiel, und der Hund wu r de nicht müde, es zu spielen. Dagegen begann die Kraft, die seine Besitz e rin in die W ü r f e l e gte, bald zu schwinden. Schließlich ging sie zu einem flachen Stein u nd setzte sich. Mit lauter S tim m e sag t e sie: »Nein, All a n. Jet z t i s t gut. Frauchen m uss sich ausruhen.«
    Vor Enttäuschung fiel der Hund fö r m lich in sich zusam m en. Der eben noch so stolz wedelnde Schwanz fiel schlapp nach unten. Er stupste ihre Hände noch ein paar Mal m it der Schnauze an, aber sie ließ s i e eilig in ihren Jackentaschen verschwinden, drehte das Gesicht zur Sonne und schloss die Augen. Lange saß sie reglos so da.
    Als sie d i e Augen wieder öffnete, sah sie ihn nicht m ehr an dem m e nschenleeren Strand. B eunruhigt stand sie auf und schaute sich in alle Richtungen u m . Erleichtert lachte sie s chließlich la u t auf, als sie seinen Schwanz plötzlich hinter einem großen Felsbro c ken entdeckte, der ein Stück weiter d rau ß en im W asser lag.
    Im S o mmer spielten die Kinder immer zwischen den drei m ächtigen Felsbrocken, die ein kleines, dreieckiges Bassin bildeten. Der eine W i nkel des Dreiecks z eigte na c h Westen. Die Öffnung aufs Meer zu war eng, nur knapp einen halben Meter breit. D i e Kinder schrien immer laut auf vor Entzücken, wenn sich die W a sser m assen zwischen den Klippen hindurchpressten und über sie hinwegbrandeten. Es gab nic h t viel P l atz, aber zehn Kindern gelang es immer, sich zwischen den Steinblöcken zusam m en z udrängen. letzt stand das Wasser ungewöhnlich niedrig, und deswegen hatte der Hund es auch gewagt, zu den Klippen hinauszutrotten. E r hatte sich zwischen zwei Felsblöcken hindurchgezwängt und stand jetzt vollkommen unb e weglich da.
    »Allan! Bei Fuß!«
    Im m er wieder rief die Frau, aber vergeblich. Plötzlich verschwand der Hund ganz hi n t er den Klippe n . Unwillig ging sie ans W asser hinunter, um ihn zurückzulocken. Zögernd blieb sie vor den p l ätschernden W ellen stehen. Das W asser war eiskalt.
    »Allan! K o mm jetzt! B ei Fuß!«
    Aber egal, welches Kommando und welchen T onfall sie auch verwendete – der Hund reagierte nicht.
    Wütend streifte sie S chuhe und Strü m pfe ab. Leise fluchend krempelte sie die Hosenbeine auf und begann, in das eisige W asser hinausz u waten. Glücklicherweise reichte es ihr nur knapp über den Spann. Die Klippenfor m ation lag vielleicht zehn Meter weit im W asser. Bereits M eter davor be m erkte sie einen schwachen, ekelhaften Geruch. Wütend, wie sie war, nahm sie ihn jedoch erst dann richtig wahr, als sie sich m i t großer Mühe zwischen den großen Steinen hindurchgezwängt hatte.
    In dem dr ei eckigen Bassin schwamm ein s c hwarzer Plasti k sack, in den d i e Möwen

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