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Die Schriften von Accra (German Edition)

Die Schriften von Accra (German Edition)

Titel: Die Schriften von Accra (German Edition)
Autoren: Paulo Coelho
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Risiko einzugehen, sagen wir lieber: ›Ich habe nicht gehandelt, weil man mich nicht gelassen hat.‹
    Das ist bequemer. Und sicherer. Doch zugleich bedeutet es, auf ein selbstbestimmtes Leben zu verzichten.
    Wehe denen, die vorgeben, sie hätten keine Gelegenheit zum Handeln bekommen. Denn sie werden mit jedem Tag tiefer in den Brunnen der eigenen Beschränkungen hinabsinken und irgendwann keine Kraft mehr haben, wieder zum Licht aufzusteigen, das hoch oben über ihren Köpfen leuchtet.
    Gesegnet seien die, die sagen: ›Ich wage es nicht.‹
    Denn sie begreifen, dass sie niemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben können. Und früher oder später werden sie das notwendige Selbstbewusstsein aufbringen, sich dem Alleinsein und seinen Geheimnissen zu stellen.
    Und diejenigen, die sich vor dem Alleinsein nicht fürchten, erwartet ein neues Lebensgefühl.
    In der Abgeschiedenheit werden sie der Liebe gewahr werden, die manchmal unbemerkt kommt.
    In der Abgeschiedenheit werden sie die Liebe, die gegangen ist, begreifen und achten.
    In der Abgeschiedenheit werden sie lernen, dass Neinsagen nicht immer ein Mangel an Großzügigkeit und dass Jasagen nicht immer eine Tugend ist.
    Und diejenigen, die in diesem Augenblick allein sind, sind auch gefeit gegen die Worte des Dämons: ›Du vergeudest deine Zeit.‹ Und auch gegen die noch machtvolleren Worte des Obersten Dämons: ›Du bist für niemanden wichtig.‹
    Die göttliche Kraft hört uns, wenn wir mit den anderen sprechen, aber sie hört uns auch, wenn wir still dasitzen und das Alleinsein genießen.
    In solchen Augenblicken erleuchtet Gottes Licht alles ringsum und lässt uns erkennen, wie sehr wir gebraucht werden, wie entscheidend unsere Anwesenheit auf Erden für seine Arbeit ist.
    Und wenn wir diesen Zustand des inneren Einklangs erreichen, erhalten wir mehr als das, worum wir gebeten haben.
    Und jene, die das Alleinsein bedrückt, sollten sich in Erinnerung rufen, dass wir in den entscheidenden Augenblicken des Lebens immer allein sind.
    Wie das Kind, wenn es aus dem Leib der Mutter kommt. Egal, wie viele Menschen bei seiner Geburt zugegen sind, letztlich entscheidet es allein, ob es leben will.
    Wie der Künstler, der allein sein und den Stimmen der Engel lauschen muss, damit seine Arbeit wirklich gut wird.
    Wie wir, wenn wir dereinst im wichtigsten und meistgefürchteten Augenblick unseres Lebens allein sein werden – im Angesicht des von uns ungeliebten Todes.
    So wie die Liebe zu Gott gehört, gehört das Alleinsein zum Menschen. Und beide bestehen für jene einträchtig nebeneinander, die das Wunder des Lebens begreifen.«

Und ein junger Mann, der
ausgewählt worden war,
die Stadt zu verlassen,
zerriss seine Kleider und sagte:
»Meine Stadt hält mich für
kampfuntauglich. Ich werde
nicht gebraucht.«

U nd der Kopte antwortete:
    »Es gibt Menschen, die sagen: ›Keiner liebt mich.‹ Doch auch wenn eine Liebe nicht erwidert wird, bleibt immer noch die Hoffnung, dass sie es eines Tages doch wird.
    Andere schreiben in ihr Tagebuch: ›Mein Genie wird verkannt, mein Talent nicht gewürdigt, und meine Träume werden nicht ernst genommen.‹ Aber auch für sie besteht Hoffnung, dass sich das Blatt nach langem Ringen wenden wird.
    Andere verbringen ihre Tage damit, an Türen anzuklopfen und sich für eine Arbeit zu bewerben, im Wissen, dass ihre Geduld eines Tages belohnt und eine Tür sich öffnen wird.
    Aber es gibt auch solche, die Morgen für Morgen mit schwerem Herzen aufwachen und nicht auf der Suche nach Liebe, Anerkennung oder Arbeit sind.
    Und sie fragen sich: ›Warum nur werde ich nicht gebraucht?‹ Ich lebe, weil ich überleben muss, aberniemand, wirklich niemand, interessiert sich für das, was ich tue.‹
    Sie sitzen im Sonnenschein mit ihrer Familie zusammen. Ihre Fröhlichkeit ist aber nur vorgetäuscht. Eigentlich müssten sie zufrieden sein, aber sie haben das Gefühl, dass alle auch ohne sie auskommen könnten. Entweder weil sie noch jung sind und spüren, dass die Älteren mit anderen Dingen beschäftigt sind, oder weil sie alt sind und glauben, die Jüngeren würden dem, was sie zu sagen haben, keine Bedeutung beimessen.
    Der Dichter schreibt ein paar Zeilen und wirft sie dann weg, weil er denkt: ›Das interessiert ohnehin niemanden.‹
    Derjenige, der eine Arbeit
hat
, kommt zur Arbeit und tut jeden Tag nur dasselbe, was er schon am Vortag getan hat. Und er ist überzeugt, dass ihn im Falle seiner Entlassung niemand vermissen

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