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Die Schriften von Accra (German Edition)

Die Schriften von Accra (German Edition)

Titel: Die Schriften von Accra (German Edition)
Autoren: Paulo Coelho
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führen. Sie geben selten Ratschläge, dienen anderen aber als Vorbild.
    Lebe nur das Leben, das du schon immer leben wolltest. Vermeide es, andere zu kritisieren, und konzentriere dich auf das, wovon du immer geträumt hast. Vielleicht erscheint dir das nicht so wichtig.
    Doch Gott, der alles sieht, weiß, dass dein Leben für andere ein Vorbild ist und du so dazu beiträgst, die Welt zu verändern. Und er wird dich jeden Tag aufs Neue mit Segnungen überhäufen.
    Und wenn der Todesengel zu dir kommt, wirst du ihn sagen hören:
    ›Du hast ganz recht, wenn du fragst: Mein Vater, mein Vater, warum hast du mich verlassen?‹
    Nun aber, in der letzten Sekunde deines Lebens auf Erden, werde ich dir sagen, was ich gesehenhabe: ›Dein Haus und dein Hof sind wohlbestellt. Ich habe ein jedes Ding an seinem Platz vorgefunden, ganz so, wie es sein soll. Du bist einer von denen, die begriffen haben, dass man den kleinen Dingen Beachtung schenken muss. Denn nur, wer dies tut, kann die Welt verändern.
    Und deshalb werde ich dich ins Paradies mitnehmen.‹«

Und eine Frau namens Almira,
die Schneiderin war, sagte:
»Ich hätte fliehen sollen, bevor
die Kreuzritter kamen, dann würde
ich heute in Ägypten arbeiten.
Aber ich hatte immer Angst vor
Veränderungen.«

U nd der Kopte antwortete:
    »Wir haben Angst vor Veränderungen, weil wir glauben, dass wir nach vielen Mühen und Opfern unsere Welt, so wie sie jetzt ist, genau kennen.
    Und auch wenn es nicht die Beste aller Welten ist, auch wenn wir mit ihr nicht ganz zufrieden sind, so hält sie wenigstens keine Überraschungen für uns bereit. Wir können scheinbar nichts falsch machen.
    Wenn nötig, werden wir kleine Veränderungen vornehmen, damit alles beim Alten bleibt.
    Wir sehen, wie die Berge am selben Ort verharren und wie ausgewachsene Bäume eingehen, wenn sie verpflanzt werden.
    Und wir sagen uns: ›Ich möchte sein wie die Berge und die Bäume. Solide und geachtet.‹
    Auch wenn wir nachts aufwachen und denken: ›Wie gern wäre ich wie ein Vogel, der nach Damaskus oder Bagdad fliegen kann, sooft er will.‹
    Oder: ›Wie gern wäre ich wie der Wind, vondem niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht, und der die Richtung ändert, ohne jemandem erklären zu müssen, warum.‹
    Aber am nächsten Morgen erinnern wir uns daran, dass Vögel immer auf der Flucht vor Jägern und stärkeren Artgenossen sind. Und dass der Wind manchmal zum Wirbelsturm wird und alles ringsum zerstört.
    Es tut gut, davon zu träumen, dass wir einst in die Ferne schweifen oder was wir sonst noch alles tun könnten. Träumen stimmt fröhlich – denn es gibt uns das Gefühl, zu mehr fähig zu sein als zu dem, was wir gegenwärtig tun.
    Träumen allein birgt keine Risiken. Gefährlich wird es erst, wenn wir die Träume in die Tat umsetzen wollen.
    Aber es kommt der Tag, an dem das Schicksal an unsere Tür klopft. Es kann das leise Klopfen des Schutzengels sein oder das unverwechselbare Pochen des Todesengels. Und beide sagen: ›Ändere dich, jetzt!‹ Nicht nächste Woche, nicht nächsten Monat, nicht nächstes Jahr. Die Engel sagen: ›Jetzt!‹
    Auf den Todesengel hören wir sofort und verändern radikal alles, aus Angst, er könnte uns mitnehmen: Wir ziehen um, ändern unsere Gewohnheiten, stellen unsere Ernährung, unser Verhaltenum. Und das alles, weil er uns nicht gestattet, so weiterzumachen wie bisher.
    Wir hören auch auf unseren Schutzengel, jedoch nicht, ohne ihn vorher zu fragen: ›Wohin führst du mich?‹
    Und er antwortet: ›In ein neues Leben.‹
    Und wir erinnern uns: Wir haben zwar unsere Probleme, aber wir können sie lösen – auch wenn wir ständig mehr Zeit damit verbringen, um sie in den Griff zu bekommen. Wir meinen, wir müssen unseren Eltern und unseren Lehrern gefallen und unseren Kindern ein Vorbild sein und nicht vom rechten Weg abweichen.
    Unsere Nachbarn erwarten von uns, dass wir ein Vorbild an Beharrlichkeit und Kampfesmut sind und vor keinen Hindernissen zurückschrecken. Und wir sind stolz darauf, wenn wir ihre Erwartungen erfüllen, und freuen uns, wenn wir dafür gelobt werden, dass wir stur weiter den Weg gehen, den das Schicksal für uns ausgesucht hat.
    Nichts könnte falscher sein.
    Denn der richtige Weg ist der Weg der Natur, die sich wie die Dünen in der Wüste ständig verändert.
    Wer glaubt, dass Berge sich nicht verändern, irrt: Denn sie sind aus Erdbeben entstanden, werden vonWind und Wetter geformt und verändern sich mit jedem Tag –

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