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Die Schriften von Accra (German Edition)

Die Schriften von Accra (German Edition)

Titel: Die Schriften von Accra (German Edition)
Autoren: Paulo Coelho
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zuträglich ist. Aber am Ende nimmt er die Ankunft des Herbstes hin, der erlaubt, dass die Erde sich ausruht.
    Die Gazelle frisst das Gras und wird vom Löwen verschlungen. Entscheidend ist nicht, wer der Stärkere ist; Gott weist uns damit auf den natürlichen Kreislauf von Leben, Tod und neuem Leben hin.
    Und in diesem Kreislauf gibt es weder Sieger noch Besiegte, nur Etappen, die durchlaufen werden müssen. Wenn des Menschen Herz dies begreift, wird es frei. Dann erduldet es klaglos schwierige Augenblicke und lässt sich auch durch Augenblicke des Ruhms nicht täuschen.
    Beide werden vorübergehen. Einer wird auf den anderen folgen. Und der Kreislauf wird sich fortsetzen, bis wir uns von allem Fleischlichen befreien und uns mit der göttlichen Kraft vereinigen.
    Daher sollte der Kämpfer, wenn er sich in der Arena befindet (aus freien Stücken oder weil das unergründliche Schicksal ihn dorthin geführt hat), seinen Geist mit Freude an dem Kampf erfüllen, den er gleich ausfechten wird. Bewahrt er seine Würde und Ehre, kann er den Kampf verlieren, aber er wird nie ein Besiegter sein, weil seine Seele unverletzt blieb.
    Und er wird niemandem die Schuld an dem geben, was mit ihm geschieht. Seit er zum ersten Mal geliebt hat und abgewiesen wurde, hat er dies begriffen, denn seine Fähigkeit zu lieben wurde damit nicht getötet. Was für die Liebe gilt, gilt auch für den Krieg.
    Einen Kampf oder alles, was wir zu besitzen glaubten, zu verlieren, mag uns betrüben. Aber wenn diese Augenblicke der Traurigkeit vorübergegangen sind, entdecken wir die unbekannte Kraft, die in jedem von uns wohnt, eine überraschende Kraft, die unsere Selbstachtung steigert.
    Wir blicken in die Runde und sagen uns selber: ›Ich habe überlebt.‹ Und das erfüllt uns mit Freude.
    Nur jene, die diese Kraft nicht kennen, sagen: ›Ich habe verloren.‹ Und verzagen.
    Andere, die ihre Niederlage wurmt und das, was die Sieger über sie erzählen, erlauben sich, ein paar Tränen zu vergießen, ohne allerdings in Selbstmitleid zu zerfließen. Sie wissen, dass der Kampf nur unterbrochen ist und sie in diesem Augenblick im Nachteil sind.
    Sie hören ihr Herz schlagen und bemerken, dass sie angespannt sind und Angst haben. Doch dann schauen sie auf ihr Leben zurück und entdecken, dass trotz der Angst, die sie spüren, der Glaube ihnen Kraft gibt weiterzumachen.
    Sie versuchen herauszufinden, was sie falsch gemacht haben und was richtig. Sie nutzen den Augenblick, in dem sie am Boden liegen, um auszuruhen, ihre Wunden zu pflegen, neue Strategien zu entwickeln und sich besser zu rüsten.
    Und es kommt der Tag, an dem ihnen ein neuer Kampf bevorsteht. Die Angst ist zwar immer noch da, aber sie dürfen nicht untätig bleiben, sonst bleiben sie am Boden liegen. Darum stehen sie wieder auf und stellen sich dem Gegner.
    Diesmal müssen sie siegen, da sie keine weitere schmerzliche Niederlage hinnehmen wollen.
    Und wenn sie nicht dieses Mal siegen, dann eben das nächste oder übernächste Mal. Das Schlimmsteist, zu fallen und nicht wieder auf die Füße zu kommen.
    Besiegt ist nur, wer aufgibt. Alle anderen sind siegreich.
    Und es wird der Tag kommen, an dem die schwierigen Augenblicke nur noch Geschichten sind, die wir einander stolz erzählen. Und alle werden ehrfürchtig lauschen und drei wichtige Dinge lernen:
    Geduld – um den richtigen Augenblick zum Handeln abwarten zu können.
    Klugheit – um eine zweite Chance nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.
    Und stolz auf die eigenen Narben zu sein.
    Die Narben sind wie mit dem Eisen in unsere Haut gebrannte Auszeichnungen, und sie werden deinen Feinden Angst einflößen und ihnen zeigen, dass der Mensch, der vor ihnen steht, kampferprobt ist. Häufig führt das dazu, dass die Feinde das Gespräch suchen und den Kampf meiden.
    Narben sprechen eine deutlichere Sprache als das Schwert, dessen Klinge sie hervorgerufen hat.«

»Und was ist mit den Besiegten?«,
wollte ein Kaufmann wissen, als er
sah, dass der Kopte zum Ende
gekommen war.

U nd dieser antwortete:
    »Wer besiegt wurde, ist nicht gescheitert.
    Besiegt werden bedeutet, dass wir einen bestimmten Kampf oder einen Krieg verlieren. Das Gefühl, gescheitert zu sein, aber nimmt uns jeden Kampfesmut.
    Wir fühlen uns als Versager, wenn wir etwas nicht erringen, was wir uns glühend wünschen. Doch das Gefühl, versagt zu haben, nimmt uns die Fähigkeit zu träumen. Nach dem Motto: Wünsche dir nichts, und du wirst niemals leiden.
    Die Niederlage

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