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Die russische Herzogin

Titel: Die russische Herzogin
Autoren: Petra Durst-Benning
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fünfte Rad am Wagen. Aber so ist das nun einmal, eine Tochter nach der anderen! In ein paar Jahren kommt auch Wera an die Reihe.«
    Evelyn nickte, schien aber nicht überzeugt. »Und wenn –«
    Olly unterbrach ihre Hofdame lachend. »Genug davon. Wir werden Wera eine so schöne Zeit bereiten, dass sie St. Petersburg keine Minute vermisst. Als Erstes kaufen wir ihr schöne Kleider, so etwas mögen kleine Mädchen immer. Und ihren ersten Fächer soll sie auch von mir bekommen. Und dann besuchen wir eines unserer schönen Kaffeehäuser. Kinder laden wir auch ein, Wera soll viele Spielkameraden bekommen. Ich lasse Kakao servieren und Kekse, und dann können die Kleinen nach Herzenslust spielen, so wird sie ihre Geschwister gewiss nicht vermissen. Cäsar Graf von Beroldingen werde ich beauftragen, für Wera das schönste Pony weit und breit zu besorgen – wozu habe ich einen fähigen Stallmeister? Ach Eve, es wird einfach herrlich werden!«

2. KAPITEL
    N ach tausend Jahren und tausend Tagen fuhr die Kutsche am zweiten Dezember endlich in Stuttgart ein. Es war ein trüber, nichtssagender Tag, grau in grau. Genauso nichtssagend waren die  Straßennamen: Schillerstraße, Königstraße, Kriegsbergstraße.
    Warum liegt hier kein Schnee?, fragte sich Wera. Es ist doch Winter. Und warum hießen die Straßen nicht Newski-Prospekt oder Kasaner Straße? Auch Paläste sah sie nicht, dafür weiß gestrichene Bürgerhäuser, in deren Erdgeschossen Läden untergebracht waren. Wera konnte zwar die Ladenschilder nicht lesen, erkannte aber an den Schaufensterauslagen, um welche Art von Geschäft es sich handelte: Bäcker, Schlachter, Schuhmacher, und in einem Schaufenster hingen Tausende von Schlüsseln jeglicher Art, sehr seltsam. In den Läden und ringsherum herrschte ein reges Treiben. Frauen mit Kindern an der Hand, die an etwas Seltsamem kauten, Dienstmägde mit schweren Körben über dem Arm, die Einkäufe für die Herrschaften erledigten. Die Menschen lachten und schienen froher Stimmung zu sein.
    Wera wandte sich angewidert ab.
    Außer ihr saß nur noch Dr. Haurowitz in der Kutsche. Er war der Leibarzt ihres Vaters und war von ihm mit der Aufgabe betraut worden, sie nach Stuttgart zu begleiten. Ihre Mutter hätte eine Gouvernante als weitere Reisebegleitung für ihre Tochter gern gesehen,aber Weras Erzieherin hatte kurz zuvor gekündigt. Und eine neue war nicht aufzutreiben gewesen. Also hatten der alte Mann und das Kind den langen Weg von St. Petersburg nach Württemberg allein zurückgelegt.
    »Jetzt sind wir gleich da. Bestimmt werden wir im Schloss schon sehnsüchtig erwartet! Schauen Sie nur, wie hübsch Stuttgart ist«, sagte der Arzt und zeigte auf einen großen Bau aus braunem Gestein, dessen Türme Wera an die uralte Ritterburg erinnerte, die sie in einem deutschen Kinderbuch einmal gesehen hatte.
    Wera schwieg. Als ob Ritterburgen sie interessierten. Die ganze Fahrt über hatte das linke Hinterrad ihrer Kutsche seltsame Geräusche gemacht. Und von oben war unentwegt der Regen auf das Kutschendach gefallen. Pling. Pling. Pling. Wera war es so vorgekommen, als regnete es ihr direkt in den Kopf. Das war nicht schlimm gewesen. Der Regen hatte die vielen Fragen ausgelöscht, die in ihrem Schädel umherschwirrten.
    Warum? Warum musste sie nach Stuttgart? Wo doch die Weihnachtszeit vor der Tür stand und sie mit ihrem Bruder Nikolai ein Singspiel hatte vorbereiten wollen. Warum hatten die Eltern nicht ihn geschickt?
    Warum? Warum? Warum?
    Weil es nun mal so ist, hatte ihre Mutter gesagt. Und dass sich Wera auf die liebe Tante Olga freuen solle.
    Wera schüttelte es am ganzen Leib, was ihr einen schrägen Blick von Dr. Haurowitz eintrug. Sie wusste schon jetzt, dass sie »die liebe Tante Olga« hassen würde. Genau wie ihre Schwester, um die so viel Aufhebens gemacht wurde. Die nicht fortmusste zu irgendeiner Patentante, sondern die tanzen lernen durfte und schöne Bälle besuchte. Aus der einmal die Königin von Griechenland werden sollte.
    Olga, Olga, Olga … Weras linke Hand hatte sich in die Ritze zwischen Sitz- und Rückpolster geschoben. Wenn sie sich anstrengte, konnte sie mit dem Fingernagel kleine Teile der Füllung herauskratzen.
    »Fangen Sie schon wieder mit diesem Unsinn an?«, kam es sogleichvon Dr. Haurowitz. »Muss ich Sie etwa auf dem letzten Wegstück erneut festbinden?«
    Wera warf ihm einen Blick zu. Die linke Hand legte sie sittsam auf den Schoß. Kaum dass der Arzt aus dem Fenster schaute, begann

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