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Die geschwätzigen Kleinode (German Edition)

Die geschwätzigen Kleinode (German Edition)

Titel: Die geschwätzigen Kleinode (German Edition)
Autoren: Denis Diderot
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Favete linguis!
Horaz
    Zima, benutzen Sie diesen Augenblick. Aga Nakis unterhält Ihre Mutter. Ihre Erzieherin lauscht am Erker, ob Ihr Vater zurückkommt: nehmen Sie, lesen Sie, fürchten Sie nichts. Entdeckte man aber auch »Geschwätzige Kleinode« hinter Ihrem Nachttisch, glauben Sie etwa, daß man sich darob groß wundern würde? Nein, Zima, nein; es ist ja bekannt, daß »Der Sofa«, »Der Tanzaï« und »Die Beichten« unter Ihrem Kopfkissen lagen. »Sie bedenken sich noch? So wissen Sie denn, Aglae hat nicht verschmäht das Werk in die Hand zu nehmen, das Sie anzunehmen erröten.« »Aglae? Die tugendhafte Aglae?« »Fragen Sie eben die!« antworte ich. Während Zima sich mit dem jungen Bonzen Allelma langweilte oder vielleicht gar sich mit ihm vergaß genoß Aglae des unschuldigen Vergnügens, mich über die Abenteuer Zaidens, Alfanens, Fannys usw. zu belehren. Ihr verdank’ ich die wenigen Züge, die mir in Mangoguls Geschichte gefallen; sie sah sie durch und gab mir Winke, wie ich sie verbessern könnte. Denn Aglae ist eine der am meisten tugendhaften und am wenigsten erbaulichen Frauen im Congo, sie ist auch am wenigsten erpicht auf Schöngeisterei und dennoch eine der geistreichsten. Sollte dem ungeachtet Zima immer noch glauben sich zieren zu müssen? Noch einmal, Zima: nehmen Sie, lesen Sie, lesen Sie alles, selbst das Protokoll des reizenden Kleinodes. Man wird es Ihnen verdolmetschen, ohne daß es Ihrer Tugend etwas kostet: nur sei der Dolmetscher weder Ihr Gewissensrat, noch Ihr Liebhaber.
    Hia uf Zeles Tanzai beherrschte seit langer Zeit das große Scheschian, und dieser wollüstige Fürst war immer das Entzücken seines Landes. Acaju, König von Minuzien erfüllte die Weissagung seines Vaters. Zulmis hatte gelebt, der Graf von Facardin lebte noch, Splendide, Angola, Misapuff und einige andere Regenten Hindostans und Asiens starben plötzlich. Die Volker, müde der Herrschaft schwachsinniger Gebieter, hatten das Joch ihrer Nachkommen abgeschüttelt; und die Abkömmlinge dieser unglücklichen Monarchen durchirrten unbekannt und beinahe unbemerkt die Provinzen ihrer Reiche. Nur der Großsohn der erlauchten Scheherazade saß fest auf seinem Thron, und man gehorchte ihm in Mogolistan unter dem Namen Schah Baham, als Mangogul im Congo geboren wurde. Vieler Fürsten Untergang war, wie man sieht, der traurige Zeitpunkt seiner Geburt.
    Ergebzed, sein Vater, berief keine Feen um die Wiege des Sohns. Er hatte bemerkt, daß die Fürsten seiner Zeit, deren Erziehung man diesen weiblichen Genien vertraute, größtenteils Pinsel geworden waren. Doch trug er einem gewissen Codindo auf, ihm seine Nativität zu stellen; einem vom Schlag jener Menschen, die leichter zu beschreiben als zu durchschauen sind.
    Codindo war Oberster des Kollegiums der Vogeldeuter in Banza, der uralten Hauptstadt des Reiches. Ergebzed zahlte ihm ein großes Gehalt, und beschenkte ihn und seine Nachkommen mit einem prächtigen Schlosse an der Grenze von Congo, zum Lohn für die Verdienste seines Groß-Oheims, der ein trefflicher Koch war. Codindo hatte die Obliegenheit, den Flug der Vögel wie den Zustand des Himmels zu beobachten und dem Hofe Bericht darüber abzustatten. Das tat er schlecht genug. Allerdings besaß Banza die besten Schauspiele in ganz Afrika, und die häßlichsten Schauspielhäuser; dafür aber hatte es das schönste Observatorium der Welt und die allerelendsten Prophezeiungen.
    Codindo wußte, was man in Ergebzeds Palaste von ihm verlangte, und verfügte sich sehr betreten dahin. Der arme Mann konnte so wenig in den Gestirnen lesen, als Ihr und ich. Man erwartete ihn mit Ungeduld. Die vornehmsten Herren des Hofes waren im Gemach der Großsultanin versammelt. Prächtig geputzte Damen umgaben die Wiege des Kindes Höflinge wetteiferten, ihrem Herrn zu den großen Dingen Glück zu wünschen, die er ohne Zweifel über seinen Sohn erfahren würde. Ergebzed als Vater fand nichts natürlicher, als daß man in den noch ungebildeten Zügen eines Kindes erkenne, welch ein Mann dereinst aus ihm werden würde.
    Endlich erschien Codindo. »Treten Sie näher,« sprach Ergebzed. »Da mir der Himmel den Prinzen bescherte, den Sie hier sehn, ließ ich den Augenblick seiner Geburt sorgfältig aufnehmen und man hat Ihnen darüber berichten müssen. Reden Sie aufrichtig zu Ihrem Herrn, offenbaren Sie ihm ohne Anstand, welch ein Schicksal der Himmel seinem Sohn bestimmt.«
    »Großmächtiger Sultan,« antwortete Codindo, »der Prinz ist

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