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Die geheimnisvollen Pergamente

Die geheimnisvollen Pergamente

Titel: Die geheimnisvollen Pergamente
Autoren: Hanns Kneifel
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1
    Anno Domini 1324: Auf der Straße nach Jerusalem
     
    Schon seit dem Augenblick, als er seinen Rappen über die breite Planke vom Schiff geführt hatte, war Sean of Ardchatten sicher, von zahlreichen Augenpaaren beobachtet zu werden. Akkons Hafen, der einstmals prächtig und vom regen Treiben der Händler erfüllt war, erstreckte sich entlang einer Reihe von verfallenen, ruinengleichen Häusern. Vor den Häusern standen die Tische weniger Händler unter zerschlissenen Sonnensegeln. Sean führte sein Pferd zum Brunnen, ließ es saufen, sattelte es und band Satteltaschen und den Sack fest, in dem einige seiner Waffen versteckt waren.
    Sean trug einen Turban, der sein helles Haar verbarg, und einen Burnus. Seine Haut war sonnengebräunt, trotzdem wirkte er nur auf den ersten Blick wie ein reisender Muslim. Es waren seine blauen Augen, die ihn als Fremden verrieten. Er wusch den Ziegenbalg und füllte ihn mit frischem Wasser. Von einem fliegenumschwirrten Händler kaufte er getrocknete Feigen, scharf gebratene Hühnerkeulen, Datteln, Käse und einen Beutel Nüsse.
    Er stieg in den Sattel und ritt langsam an. Einige Fischerboote und zwei Schiffe hatten längsseits an der langen Hafenmole angelegt. Auch der Mole waren noch immer die Spuren der Zerstörung deutlich anzusehen. Die Mamelucken hatten die alte Kreuzritterstadt gründlich zerstört. Montmusards Mauern waren niedergerissen worden. Montmusard – so hatte die tiefer gelegene Vorstadt einst geheißen, und Sean wusste von Henri, dass es in der Stadt damals 60 Kirchen gegeben hatte. Aber nun sah er keinen einzigen Kirchturm inmitten der Stadt, in deren Trümmern Büsche und Bäume wild wucherten. Er ritt weiter und hoffte, unbehelligt aus der Stadt zu kommen. In leichtem Trab wich er den wenigen Händlern und deren hochbeladenen Eseln aus.
    Am Ende eines Wellenbrechers stand ein halb zerfallener Leuchtturm. Im Gewirr der Trümmer, links von Sean, hatte einst die Kathedrale zum Heiligen Kreuz gestanden. Wer heute in den Ruinen dieses mächtigen Gotteshauses lebte, wollte sich Sean lieber nicht vorstellen. Unter dem Rand des Turbans hervor beobachtete er aufmerksam die Umgebung, aber er sah nichts außer Zerfall und Elend. Ein Windstoß wehte den Geruch von Brackwasser und faulendem Fisch über die Hafenstraße.
    Sean wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Der uralte Turm, dem er sich näherte, bildete gewissermaßen den Endpunkt der inneren Mauer, und eine schmale Straße führte durch kleine Felder, zwischen denen einzelne Dattelpalmen wuchsen, auf einen Torturm der äußeren Mauer zu. Auch dieser Teil der Mauer war vor langer Zeit niedergerissen worden.
    Zu seiner Linken, hinter den Ruinen und den zwischen den Trümmern wild wuchernden Pflanzen, lag auf dem Felsplateau die Oberstadt. Aus Henris Erzählungen wusste Sean, dass die Johanniter einst ein riesiges Hauptquartier in der Unterstadt erbaut hatten. Jetzt wurden die Stadt und das Land von den Mamelucken regiert, und alles lag in Trümmern. Vor über drei Jahrzehnten, im Mai 1291, hatte Sultan Qualawuns Sohn, el-Aschraf Khalil, mit ungefähr 100 000 Kämpfern Akkon erobert und verwüstet. Zu dieser Zeit, dachte Sean erstaunt, war Henri de Roslin ungefähr so alt gewesen wie ich selbst jetzt.
    Er trabte durch die Felder, auf denen trotz der unbarmherzigen Hitze gearbeitet wurde. Die Bauern wirkten ärmlich und ausgemergelt.
    Die Außenmauer zog sich bis weit ins Meer hinaus. Vor dem Tordurchgang zügelte er seinen Rappen und ritt im Schritt weiter. Zwei lanzentragende Wächter standen im kühlen Halbdunkel.
    Einer von ihnen fragte ihn mit rauer Stimme auf Arabisch: »Wohin willst du, in Allahs Namen?«
    Sean legt die rechte Hand auf die Brust. Er sprach Arabisch leidlich gut, aber noch immer fehlerhaft und antwortete wahrheitsgetreu: »Auf die Straße nach Nazareth und nach Jerusalem.«
    »Was willst du in Jerusalem?«
    »Die heiligen Stätten sehen, zu Gott beten und Freunde besuchen.«
    »Inshallah. Reite zu, die Straße ist frei von Gefahren. Wir haben nichts von Räubern und Strauchdieben gehört.«
    »Salaam.« Sean hob grüßend die Hand und duckte sich, als er durch das halb geöffnete Tor ritt.
    Er blinzelte wegen der grellen Sonnenstrahlen und ließ das Pferd galoppieren. Nach einigen Momenten sah er sich um. Er war erleichtert, die überwucherte Stadtmauer und die stark beschädigten Türme hinter sich zu lassen und kleiner werden zu sehen.
    Sean erinnerte sich, während er ritt, an

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