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Die geheimnisvollen Pergamente

Die geheimnisvollen Pergamente

Titel: Die geheimnisvollen Pergamente
Autoren: Hanns Kneifel
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Henris Erzählungen vom letzten Gefecht der Tempelritter in Akkon. Henri hatte einen Angreifer, einen Sarazenen, unter Trümmern hervorgezogen und dessen Leben gerettet. Der Araber war Henris Freund geworden und hatte ihm einen Talisman geschenkt. Henris Leben war mehrere Male dank dieser Münze gerettet worden. Er würde sie auch jetzt bei sich haben, in Jerusalem, wo er mit Uthman und Joshua auf ihn wartete.
    Vor Sean erstreckten sich lange Baumreihen, magere Weiden und Felder. Er ritt in den Schatten hinein und wusste, dass er auf dem langen Ritt weder der Hitze noch dem Durst entrinnen konnte, denn jenseits von Nazareth gab es, den Erzählungen Henris zufolge, weder schattenspendende Bäume noch reichlich sprudelnde Quellen.
    Als der Rappe wieder in Trab fiel, schlugen der Bogen und der Köcher nicht mehr so hart gegen Seans Schulter. Die Straße war leer, trotzdem wusste Sean, dass sein Ritt für ihn gefährlich werden konnte, wenn er sich nicht vorsah. In einer Lederschlaufe am Sattel steckte griffbereit seine Axt, und in einem Lederbeutel klirrte die Kette des Morgensterns. Den großen Reitermantel, der ihm nachts als Unterlage und Decke diente, hatte er über den Satteltaschen zusammengerollt und mit Lederriemen befestigt.
    Ich hätte mich besser einer Karawane angeschlossen, dachte er und folgte der Straße. Sie schlängelte sich von der Höhe des Strandes in weiten Halbkreisen leicht aufwärts, noch immer durch Felder und kleine Haine mit Obstbäumen. Große Wolken kamen vom Meer her und warfen ihre wandernden Schatten über das Land. Sean dachte an Henri und Joshua.
    Dann hatte Sean plötzlich wieder ein merkwürdiges Gefühl, und er spähte nach links und rechts, aber er sah niemanden. Sein Verdacht, beobachtet zu werden, blieb jedoch.
    Als die Schatten länger geworden waren und es nicht mehr ganz so heiß war, verließ er die Straße und ritt auf einige niedrige Hütten zu, die sich im Schutz von Palmen und Ölbäumen wie eine Insel in den Feldern und Weiden zusammendrängten. Ziegen und Schafe grasten dort, und kleine Hühner pickten im Staub. Als Sean neben einem Ziehbrunnen das Pferd anhielt, rief er: »Salaam!«
    Ein barfüßiger Junge sprang aus der Tür eines Hauses und sagte: »Salaam. Was willst du, Fremder?«
    Sean zeigte auf den Brunnentrog und antwortete: »Wasser für mich und mein Pferd und ein wenig Ruhe.«
    Er erwartete nicht, dass sich plötzlich ein Dutzend Bewaffneter auf ihn stürzen und ihn ausrauben würde, aber er war auf alles vorbereitet. Ohne Henri neben sich fühlte er sich allein. Nicht schutzlos, doch ein wenig gefährdeter, Tag und Nacht. Jetzt rechnete er mit der Gastfreundschaft der Muslime, auf die man sich in der Regel trotz aller Armut verlassen konnte.
    Der Junge, der einen schmutzigen Turban und ein löchriges Hemd trug, tauchte in die Dunkelheit des Hauses ein und kam kurz darauf wieder daraus hervor. Er zog einen zahnlosen Greis hinter sich her.
    Der Alte rief mit fistelnder Stimme: »Allah schützt den Wanderer! Nimm dir Wasser, Fremder.«
    »Schukran«, sagte Sean und stieg aus dem Sattel. »Danke.«
    Er holte den gefüllten ledernen Wassersack mit dem Zieharm herauf, kippte ihn in den Trog und löste die Trense aus dem Maul des Rappen. Mit drei weiteren triefenden Säcken füllte er den Trog und seinen Wassersack aus Ziegenhaut. Er wusch sein Gesicht und seine Hände und trank gierig. Der Greis und der Junge sahen ihm schweigend zu. Sean setzte sich an den Rand des Trogs, wickelte seinen Proviant aus und aß etwas Brot, einige Datteln und eine Hühnerkeule. Er packte die Reste wieder ins Tuch, verstaute das Bündel in der Satteltasche und erleichterte sich hinter einem dicken Ölbaumstamm.
    Er zwängte die Trense ins Maul des Pferdes, verbeugte sich vor dem Alten und wiederholte seinen Dank. Dann zog Sean sich in den Sattel, winkte und wendete den Rappen. Wenige Augenblicke später war er wieder auf der Straße und ritt seinem eigenen Schatten hinterher, in der Hoffnung, ein brauchbares Nachtlager zu finden.
     
    In der Dunkelheit hörte man zwar die Laute der Lasttiere und der Pferde, aber nur dann, wenn die Flammen höher aufloderten, traten die Körper hinter den gestapelten Packlasten als bewegte Halbschatten hervor. Die Männer saßen in einem Kreis um das Feuer, über dem ein Kräutersud im Kessel summte. Die Flüssigkeit roch nach fremdartigen Kräutern, Honig und Gewürzen, die Sean nicht kannte. Die Sitzenden redeten leise miteinander, aber hin und

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