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Die geheimnisvollen Pergamente

Die geheimnisvollen Pergamente

Titel: Die geheimnisvollen Pergamente
Autoren: Hanns Kneifel
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Brettern belegt worden. In diesen Vorrichtungen lagen, einzeln oder zu mehreren in ölgetränkte Tücher eingewickelt, kurze und lange Schwerter, gerade Waffen und solche mit geschwungenen Klingen. Abu Lahab grinste und zeigte in seinem Bart schneeweiße Zähne. Neben dem linken Schneidezahn war eine Lücke zu sehen, was Abu Lahabs Lächeln etwas Verschlagenes verlieh.
    »Ich werde deinen Rat bedenken. Schließlich weißt du genau, wie viele es sind.«
    »Es sind nie genug«, entgegnete Nadschib und nickte. Er lächelte wissend. »Mit den Schwertern ist es genauso wie mit deinem Reichtum.«
    »Allah hat die Reichen nicht verdammt.«
    Abu Lahab wischte die öligen Finger an seinem Burnus ab, nahm den Krug und füllte die Schalen.
    »Einige letzte Schlucke, mein Freund. Bald beginnt der Ramadan. Und dann gibt es nur Schweiß, Schwerter und Durst. Und nach Sonnenuntergang keinen Wein, nur Wasser.«
    Nadschib zuckte mit den Schultern und roch an dem Getränk, das der Prophet angeblich verboten hatte, wie manche Gelehrten versicherten. Andere aber, und an deren Auslegung hielten sich Nadschaf und Abu Lahab, sagten, der Koran ließe es zu.
    »Im Ernst, Freund und Gebieter der scharfen Schneiden«, begann Nadschib erneut, »es sind mehr als 500 verschiedene Schwerter, die du hier hortest. Sie bringen viel ein, wenn du sie verkaufst.«
    »Ich weiß.« Abu Lahab nickte zufrieden.
    »Verkaufe die Waffen, und dein Vermögen wird noch viel größer werden.«
    Abu Lahabs Nicken wurde stärker.
    »Und dann lass nützliche Dinge schmieden, und wenn es nur Nägel sind. Denn wenn Friede herrscht, wird man allerorten Häuser bauen, und wer dann keine Nägel zu verkaufen hat, wird sich voll Wut den Bart raufen.«
    »Diese Entwicklung ist mir durchaus nicht entgangen.«
    »Also…?«
    Abu Lahab stand auf und trug ein Bündel aus grauem Wolltuch, das nach Ruß, Schweiß und altem Olivenöl stank, zu einem der Wandbretter und legte es zu anderen Schwertern. Dann blies er zwei Kerzen aus.
    »Allah ist mit den Sparsamen«, sagte er. Sein Grinsen wurde breiter.
    »Also, während du hier mit deinem gottlosen und geizigen Herrn und Schmiedebesitzer den süßen Wein der Sünde genießt, hat eben dieser Herr deine Ratschläge schon vorweggenommen und einen Teil des täglich zu verarbeitenden Eisens zu allerlei nützlichem Gerät schmieden lassen.« Er stieß ein dröhnendes Lachen aus, beugte sich herunter und leerte den Krug gerecht in beide Schalen. »Aber kein Schwert weniger! Vielleicht verkaufe ich sie sogar an die Ungläubigen! Wenn du wieder ans Licht des Tages hinaufsteigst, wirst du es mit eigenen Augen sehen können.«
    Jetzt musste auch Nadschib grinsen. Er rückte sein Stirntuch zurecht und lehnte sich zurück. Bedächtig tranken er und sein Dienstherr die Schalen leer, dann löschten sie weitere Flammen und gingen zur Treppe. Sie stiegen Stufe um Stufe höher; jedes Mal wurde es ein wenig heller und lauter. Aber Nadschib ben Sawaq wusste auch, dass im Herzen seines Dienstherrn mehr als ein Stachel saß: Es gab ein Haus in der Stadt, kaum kleiner, aber weniger reich eingerichtet als sein eigenes, dessen Bewohner sich seltsam aufführten, obwohl einer der Hausbewohner ein Hebräer unbekannter Herkunft war, ein gläubiger alter Jude, der niemandem etwas zuleide tat. Dennoch: Abu Lahabs Freundschaft gehörte weder den Christen noch den Juden. Abu Lahabs einziger wirklicher Freund war er selbst, der Herr der Schwerter. Er hatte einen großen Traum. Er träumte von Reichtum, Macht und Einfluss.
    Sein Geschäft verstand er wie kein Zweiter, das hatte er schon oft bewiesen. Sein Reichtum war immens, aber niemand konnte sagen, wie viel Abu Lahab wirklich besaß. Ein Sklavenschinder war er nicht, aber wenn seine Befehle nicht befolgt wurden, konnte er gnadenlos sein. Er war äußerst gerissen, und nur Allah kannte seine Träume und seine Pläne. Abu Lahab war rachsüchtig, aber er konnte geduldig und lange warten, bis er den richtigen Augenblick für seine Rache gekommen sah.
    Nadschib hatte es nicht schlecht bei ihm. Er rechnete wie kein Zweiter, unterschlug keine einzige Drachme, machte keine Fehler und hütete sich davor, Abu Lahab, den sie oft Effendi nannten, zu betrügen. Er dachte nicht einmal daran. Aber bisweilen dachte er an einen weiteren Stachel in Abu Lahabs Herz, nämlich an dessen Sohn Süleiman.
    Der Effendi liebte den einzigen männlichen Spross seiner Lenden. Er wünschte sich, dass er sein Nachfolger würde, und blickte

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