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Die Flockenleserin. Ein Hospiz, 12 Menschen, ein Mörder.

Die Flockenleserin. Ein Hospiz, 12 Menschen, ein Mörder.

Titel: Die Flockenleserin. Ein Hospiz, 12 Menschen, ein Mörder.
Autoren: Mike Powelz
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gutaussehender, spanischer Fahrer, kaum älter als ihr jüngster Enkel, hatte vor der Charité auf die alte Dame gewartet.
    Minnies Bettnachbarin winkte ihr zum Abschied zu und rief: „Ich werde Sie besuchen, sobald ich hier raus bin!“
    Die Taxifahrt dauerte nur wenige Minuten. Minnie legte sie schweigend zurück – bis zu jenem Moment, in dem das Berliner Stadtzentrum hinter ihr verschwand und sie rechts ins Vergnügungsviertel einbog.
    „Wilde Lage“, sagte der junge Spanier, drückte ein paar Knöpfe am Autoradio, und reduzierte die lebenslustigen Merengue-Melodien um einige Dezibel. „Wohnen Sie hier?“
    „Demnächst ja“, entgegnete Minnie.
    Prüfend warf der Taxifahrer einen Blick auf den Adresszettel, der ihm an der Krankenhauspforte in die Hand gedrückt worden war. „Haus Holle? Kenne ich gar nicht… Ein Heim für Senioren?“
    „Nicht nur“, antwortete Minnie. „Aber erzählen Sie mir lieber ein bisschen von diesem verrückten Viertel. Findet hier gerade ein Jahrmarkt statt?“
    „Sogar mehrmals im Jahr“, entgegnete der junge Mann.
    Als nächstes folgte eine Rechtskurve um den City-Park, und plötzlich war Minnie mitten im Bling-Bling -Land, auf einer langen, geraden Straße, die rechts und links von Kinos, Theatern und Varietés flaniert wurde.
    „Huch“, sagte sie staunend und hielt sich die Hand vor den Mund. „Da staunen Sie, was?“, meinte der Spanier, und suchte das Ziel. Gleichzeitig deutete er aus dem linken Fenster. „Wenn Sie dort spazieren gehen, kommen Sie irgendwann ins Zentrum! Links sind jede Menge Restaurants – und dort finden Sie ein gutes Tanzlokal.“ Er zwinkerte mit seinen Augen.
    Dann biss er sich auf die Lippe.„Mist, ich habe die Einfahrt verpasst – wir müssen einen U-Turn machen.“
    Minnie freute sich über die Verzögerung. Hier gab es so viel zu sehen. Links stand eine Polizeiwache, daneben spazierten viele leichte Mädchen mit dicken Jacken und dünnen Schuhen umher. „Nutten am helllichten Tag“, sagte der Taxifahrer und seine Stirn legte sich in Falten. „Die stellen sich in Madrid nicht so zur Schau!“ Minnies Blick blieb auf die Straße geheftet. Rechts folgten mehrere grelle Boutiquen und ein Waffengeschäft, in dem Elektroschocker und Schlagstöcke verkauft wurden.
    „Dort kriegen Sie richtige Wummen“, flüsterte der Spanier verschwörerisch. Er bog scharf nach links ab , fuhr ein Stück zurück und kommentierte seinen U-Turn um die Hackeschen Höfe: „So, jetzt sind wir auf der Zielgeraden. Sehen Sie nur. Da vorne ist Haus Holle ja schon!“
    Sie steuerten auf ein rosafarbenes, dreigeschossiges Jugendstilhaus vor einer Ponywiese zu – jenseits und doch inmitten des Rummels. „Sieht ruhig aus“, kommentierte der Spanier. Interessiert musterte er Haus Holle, und verriet Minnie, dass ihm das Hospiz in den Jahren seiner Tätigkeit als Kutscher noch nie aufgefallen war. „Sagen Sie, was geht dort ab?“
    Minnie räusperte sich dezent und entgegnete: „Macht wie viel?“
    Der Taxifahrer kassierte 18 Euro plus zwei Euro Trinkgeld und bot ihr eine Quittung an, die Minnie schweigend verstaute. „Wohl für die Krankenkasse, was?“
    Sie nickte.
    „Hören Sie, Lady“, sagte der Spanier. Erstmals blickte er sie direkt an, und die alte Dame sah in glühend schwarze Augen. „Mein Name ist Daniel – und das hier ist meine Karte. Falls ich Sie nachher wieder abholen soll…“
    „Das ist sehr freundlich“, entgegnete Minnie. „Aber nicht nötig. Ich werde erst mal hier bleiben.“
    „Dann vielleicht, wenn ich Sie durch das bunte Viertel kutschieren soll“, insistierte Daniel.
    Lächelnd nahm sie seine Visitenkarte und verstaute sie in ihrer Handtasche.
    „Das letzte Stück müssen Sie leider selbst zurücklegen“, bemerkte der Spanier mit einem kritischen Blick auf einen Golf, der im Halteverbot vor einem Poller parkte und den Weg zum Haus versperrte. „Sonst hätte ich Sie gern bis zur Rampe vorgefahren! Aber Sie haben ja kaum Gepäck!“ Die alte Dame stieg aus, der Spanier setzte zurück – und schon war Minnie allein.
    Allein mit Haus Holle.
    Jetzt fehlten nur noch sieben Meter.
    Langsam setzte Minnie einen Fuß vor den nächsten.
    Sechs Meter.
    Vor dem Haus stand ein Rollstuhl mit einem männlichen Buddha, der sie freundlich begrüßte.
    Was sie wohl erwarten würde?
    Fünf – vier – drei – zwei… Noch ein Schritt, und es würde vollbracht sein.
    Die alte Dame blickte hoch.
    Haus Holle sah freundlich aus.
    Das war es also

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