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Die fetten Jahre

Die fetten Jahre

Titel: Die fetten Jahre
Autoren: Koonchung Chan
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Lange nicht gesehen, die Erste
    Ein Monat fehlt. Ich meine, ein ganzer Monat – weg, verschwunden, unauffindbar. Nach Januar kommt Februar, nach Februar März, nach März April – sollte man meinen. Aber stell dir vor, nach Januar wäre auf einmal März oder nach Februar plötzlich April. Ein Monat wird einfach übersprungen, wenn du verstehst, was ich meine.
    Vergiss es einfach, habe ich zu Fang Caodi gesagt. Lass die Sucherei nach diesem Monat gut sein, das bringt doch eh nichts. Das Leben ist kurz, genieß es!
    Aber ganz gleich, wie sehr man sich auch bemühte – Fang machte sowieso immer, was er wollte. Andererseits: Wenn man sich ernsthaft auf die Suche machen wollte, dann war er der richtige Mann. In seinem Leben gab es sicher einige Monate, die verschwunden oder unauffindbar waren, deren Existenz oder Nichtexistenz auf dasselbe hinauslief; sein Leben schien aus vielen aneinandergereihten Bruchstücken zu bestehen, die sich nicht zu einer zusammenhängenden Geschichte verbinden ließen; er erschien schon immer zur ungewöhnlichsten Zeit an den abwegigsten Orten, verschwand zeitweise einfach völlig von der Bildfläche, um im Sinne von Nietzsches »ewiger Wiederkehr« genau dann aufzutauchen, wenn man es am wenigsten erwartete. Jemand wie er bringt es durchaus fertig, gegen den Zeitgeist zu arbeiten – beispielsweise, indem er sich auf die Suche nach einem verschollenen Monat macht.
    Es war nämlich so, dass ich selbst gar nichts vom Abhandenkommen dieses Monats gemerkt hatte. Es gab zwar Leute, die darüber redeten, aber ich nahm sie nicht ernst. Ich las jeden Tag Zeitung, überflog die Nachrichtenportale im Internet, sah abends CCTV und Phoenix Television, verkehrte mit durchweg intelligenten und gut informierten Menschen. Ich glaubte nicht, dass mir ein wichtiges Ereignis einfach entgehen konnte. Ich hatte Vertrauen in mich, in mein Wissen, meinen Verstand, mein unabhängiges Urteilsvermögen.
    Es war der achte Tag nach Chinesisch-Neujahr, nachmittags. Ich hatte mich gerade von meiner in der Happy-Village-II-Siedlung gelegenen Wohnung aus auf den Weg gemacht, um wie üblich einen kleinen Spaziergang zu Starbucks im nahegelegenen Pacific Century Place Building zu machen, als plötzlich ein Jogger geradewegs auf mich zukam, direkt vor mir stehen blieb und rief: »Meister Chen! Meister Chen! Ein Monat fehlt! Auf den Tag genau seit zwei Jahren!«
    Der Mann trug eine tief ins Gesicht gezogene Baseball-Mütze, sodass ich ihn nicht gleich erkannte.
    »Fang Caodi … Fang Caodi …«, wiederholte er und nahm die Mütze ab. Zum Vorschein kam eine schon recht ausgedünnte Haarpracht, hinten am Kopf zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden.
    »Huch! Du bist das, Fang! Jetzt machst selbst du schon einen ›Meister‹ aus mir!«
    »Ein Monat fehlt!« Er wiederholte diesen Satz, so als ginge es um etwas von größter Wichtigkeit. »Meister Chen, was sollen wir bloß tun? Was sollen wir bloß tun?«
    »Ist doch bestimmt schon länger als einen Monat her, dass wir uns gesehen haben.«
    »Jaja, länger, länger. Meister Chen, ein Monat ist verschwunden! Das wissen Sie doch! Es ist schlimm! Was sollen wir tun?«
    Es war schon immer etwas anstrengend gewesen, sich mit Fang Caodi zu unterhalten. »Seit wann bist du wieder in Peking?«, fragte ich ihn.
    Er nieste.
    »Jetzt erkälte dich bloß nicht.« Ich reichte ihm meine Visitenkarte. »Ist kühl heute, sieh lieber zu, dass du schnell nach Hause kommst. Wir können uns ein andermal unterhalten, meine Handynummer und meine E-Mailadresse stehen da drauf.«
    Er setzte seine Mütze auf, nahm die Karte und sagte: »Jaja, wann immer es Ihnen passt. Wir machen uns gemeinsam auf die Suche!«
    Ich sah hinter ihm her, wie er in Richtung des Botschaftsviertels an der Dazhimenwai Road davonlief. Erst da bemerkte ich, dass er gar nicht als Jogger unterwegs war. Er hatte es wohl nur eilig gehabt.

Lange nicht gesehen, die Zweite
    Ein paar Tage später machte ich mich auf in den ersten Stock des großen Buchladens von SDX Joint Publishing an der Yishuguandong Road. Das Dushu-Literaturmagazin veranstaltete dort seinen alljährlichen Tee-Empfang. Anfang der Neunziger hatte ich vereinzelt schon ein paar Mal daran teilgenommen und seit meinem Umzug nach Peking 2004 schaute ich alle zwei Jahre dort vorbei, um ein bisschen mit den alten Redakteuren und Autoren zu plaudern. So ließ ich den Kulturbetrieb wissen, dass es mich noch gab. Was die neue Generation von Redakteuren und Autoren

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