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Der zweite Weltkrieg

Der zweite Weltkrieg

Titel: Der zweite Weltkrieg
Autoren: Gerhard Schreiber
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I. 1918 – Hinterlassenschaft Weltkrieg?
    Endete 1945 ein zweiter Dreißigjähriger Krieg? Zuweilen wird die Frage bejaht. Die Weltkriege und die Zwischenkriegszeit stellen sich aus solcher Sicht als ein Ganzes dar, und der Ausklang des „Großen Kriegs“ hätte demnach in sich geschlossen, was gut zwanzig Jahre später begann. Eine These, die im geschichtlichen Rückblick durchaus zu faszinieren vermag. Nur ist die behauptete ursächliche Vorbestimmtheit ahistorisch – unbeschadet der Tatsache, dass unter anderem gesellschaftliche, ideologische und politische Phänomene Verbindungspunkte zwischen 1914 und 1939 schufen, wie etwa der von Berlin, Rom und Tokyo vertretene Revisionismus. Er wandte sich gegen den Status quo, den die Sieger des Weltkriegs 1919/20 für Europa festgelegt, und welchen die an der Washingtoner Konferenz (12.11.21 bis 6.2.22) teilnehmenden Staaten durch mehrere Abkommen für den Fernen Osten vereinbart hatten.
    Den Regierungen des geschlagenen, doch nicht substantiell geschwächten Deutschen Reichs lag in diesem Kontext bis 1933 vorrangig an der weitestgehenden Außerkraftsetzung des Versailler Friedensvertrags vom 28. Juni 1919. Für Angehörige der traditionellen Führungseliten, die mit dem großdeutschen Reichsmythos den Anspruch auf die Führung Europas aufrechterhielten, beschrieb all das freilich lediglich ein Nahziel.
    Italien und Japan zählten zu den Siegern, gleichwohl enttäuschte sie der Frieden, beide wünschten umfangreiche Nachbesserungen. Gewiss, anders als Hitlers Deutschland, das die Staatenwelt umwälzende, globale machtpolitische Ziele verfolgte, strebten Rom sowie Tokyo nach regionaler Hegemonie, aber auch sie beinhaltete Unterdrückung und Ausbeutung.
    Insgesamt gesehen formte sich seit Anfang der dreißiger Jahre eine krisenanfällige Weltordnung aus. Ihre konfliktäre Beschaffenheit offenbarte sich in Ostasien, im Mittelmeerraum und in Süd- sowie Osteuropa. Augenscheinlich bliebenKriege ein Mittel der Politik. Weder der Völkerbund noch der Briand-Kellogg-Kriegsächtungspakt vom 27. August 1928 änderten daran etwas. Andererseits steht fest, dass nach 1918 keine Regierung einen neuen Weltbrand herbeizuführen beabsichtigte. Um ihn zu verwirklichen, bedurfte es des fatalen 30. Januars 1933, an dem reaktionäre Kräfte Adolf Hitler mitsamt seinen Wahnideen in Deutschland an die Macht brachten. Das berührt noch einmal die eingangs gestellte Frage.
    Die Politik des nationalsozialistischen Reichskanzlers war aus einem Guss, beseelt vom Willen zum Krieg. Mittelfristig zielte sie auf die Eroberung von Lebensraum im Osten und die Errichtung eines Kontinentalimperiums. Manches von dem, was der „Führer“ diesbezüglich sagte, mutet vertraut an. In Wahrheit ging es ihm jedoch um eine rassistische Neuordnung des Kontinents und einen Machtanspruch, der die Gewalt umfasste, zu bestimmen, wer überhaupt und wie in seinem Europa leben durfte. 6.850.000 Juden, Sinti, Roma und deutsche „Defektmenschen“ fielen jener Anmaßung zum Opfer.
    Derartiges sprengte den Rahmen, in dem Kulturvölker ihre Kriegsziele herkömmlicherweise absteckten, und schließt es definitiv aus, den Zweiten Weltkrieg als Hinterlassenschaft des „Großen Kriegs“ einzuordnen. Hitlers und seiner Paladine eigentliches Wollen besaß in der – von entsetzlichen Ereignissen belasteten – Geschichte des christlichen Abendlands keine Tradition.

II. Der lange Weg in den Krieg
    Die Staatenwelt erlaubte es Hitler, bis 1938 auf einer Erfolgswelle zu schwimmen, obwohl er ein Unrechtsregime errichtete, das ab 1933 Tausende von politischen Gefangenen in Konzentrationslager sperrte, die Juden ausgrenzte, entrechtete und enteignete sowie Hunderte von ihnen bis Ende 1938 ermordete. Ihm kam zugute, dass Regierungen die staatliche Souveränität prinzipiell anerkennen; wovon im Übrigen auch BenitoMussolini, der faschistische Regierungschef Italiens, und die radikalen japanischen Imperialisten profitierten.
    Dennoch ist zu fragen, warum die Westmächte der militanten Expansion der Aggressoren erst so spät Widerstand entgegensetzten. Ausschlaggebend waren wohl Bedenken, die dem Volk verantwortliche Politiker hegen, wenn über den in der Regel moralisch bestreitbaren, politisch und militärisch risikoreichen, stets kostspieligen Einsatz letzter Mittel zu befinden ist. Außerdem erinnerten sich Briten und Franzosen an ihre 2.400.000 Gefallenen sowie 5.200.000 Verwundeten im Ersten Weltkrieg. Anders als

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