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Der Sokrates-Club

Der Sokrates-Club

Titel: Der Sokrates-Club
Autoren: Nathalie Weidenfeld , Julian Nida-Ruemelin
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ertappen. Sie beobachten genau. Was Kindern, aber auch vielen Erwachsenen fehlt, ist die Fähigkeit, von unmittelbaren Erfahrungen zu abstrahieren, zu verallgemeinern, aus einzelnen Daten eine kohärente, in sich geschlossene Sichtweise zu entwickeln. Zudem sind sie stärker als Jugendliche oder Erwachsene darauf bedacht, das zu sagen, was von ihnen erwartet wird. Die berühmten Falschaussagen von Kindern vor Gericht hängen wohl eher damit zusammen als mit der mangelnden Fähigkeit, zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden. Kinder sind, nach meinem Eindruck, in der Regel überzeugte Anhänger der klassischen zweiwertigen Logik: Ist das nun wahr oder nicht? Ausweichende, ambivalente Antworten werden nicht geduldet. Sie wollen wissen, wie es ist, und haben meist wenig Verständnis dafür, dass es manchmal schwierig sein kann, herauszufinden, wie es wirklich ist. Dass es nicht zugleich der Fall sein kann, dass die Sonne scheint und dass sie nicht scheint, ist Kindern jedoch klar. Dass ein »Oder«-Satz wahr ist, wenn einer seiner Teile wahr ist, ist Kindern offenkundig klar, sobald sie sprechen können. Schließlich kann man sie im Restaurant fragen: Willst du dies oder willst du jenes? Kein Kind kommt auf die Idee, dass diese Frage etwa bedeutungsgleich wäre mit der: Willst du dies und jenes? Die logischen Junktoren, wie Philosophen Partikel wie »nicht«, »und«, »oder« etc. nennen, werden von Kindern verstanden. Sie gebrauchen diese Junktoren in der gleichen Weise wie Erwachsene. Dies kann schon deswegen nicht anders sein, weil die Grammatik unserer Sprache vom kohärenten Gebrauch logischer Junktoren abhängig ist oder besser: diese enthält. Die klassische Logik besagt, ein Satz ist entweder wahr oder falsch. In der Alltagssprache gibt es jedoch zahlreiche Beispiele, die diese Sichtweise der klassischen Logik – ein Satz ist entweder wahr oder falsch – infrage stellen. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ein Kind wird gefragt: Leugnest du, dass du die Süßigkeiten genommen hast, oder gibst du es zu? Was immer das Kind antwortet, es scheint damit zuzugeben, dass es die Süßigkeiten genommen hat. Der Satz: X leugnet, die Süßigkeiten genommen zu haben, und seine Verneinung: X leugnet nicht, die Süßigkeiten genommen zu haben, scheinen keine vollständige Alternative zu bilden, es kann ja schließlich sein, dass X die Süßigkeiten nicht genommen hat. Die Frage: Gibst du zu, die Süßigkeiten genommen zu haben? – setzt voraus, dass das Kind die Süßigkeiten genommen hat, daher ist die Antwort: Nein! – irreführend für den Fall, dass es die Leckereien nicht genommen hat. Das Kind könnte hier die Antwort lediglich verweigern und sagen: Ich kann weder etwas zugeben noch etwas leugnen, das ich nicht getan habe. An dieser Stelle schlagen einige Logiker, zum Beispiel Ulrich Blau, vor, einen dritten Wahrheitswert, etwa »unbestimmt«, einzuführen, der diese Besonderheit erfasst. Wenn ein Satz eine Präsupposition, etwas (impliziert) Vorausgesetztes, behauptet, dann ist er weder wahr noch falsch, wenn diese Präsupposition nicht zutrifft. Allerdings scheint damit etwas aufgegeben zu werden, was man als den Kerngedanken des philosophischen Realismus bezeichnen kann. Für Realisten gibt es Fakten, die von menschlicher Erkenntnis unabhängig sind. Welche Temperatur die Sonne in ihrem Inneren hat, ist physikalisch nicht einfach zu bestimmen, nehmen wir an, es ließe sich überhaupt nicht bestimmen. Trotzdem sind wir, als Realisten, davon überzeugt, dass es eine solche Temperatur gibt, dass die Frage, welche Temperatur das Sonneninnere hat, im Prinzip eine Antwort hat, dass es sich um ein objektives Faktum handelt. Etwas ist der Fall, oder es ist nicht der Fall: Tertium non datur – ein Drittes gibt es nicht.
    Täuschung und Wahrheit
    Eine Täuschungshandlung setzt voraus, dass ich mich in die andere Person, diejenige, die getäuscht werden soll, hineinversetze. Ich sage etwas, um zu erreichen, dass diese Person eine Überzeugung hat, die falsch ist, und ich weiß, dass sie falsch ist. Bei Kindern ist dies etwa ab dem vierten Lebensjahr möglich. Man kann dazu ein Experiment machen: Man nehme zwei Becher und lege unter einen Becher einen Würfel, und zwar so, dass die Mutter des Kindes sieht, dass der Würfel, unter dem betreffenden Becher ist. Die Mutter verlässt den Raum, und nun wird der Würfel unter den anderen Becher gelegt, an das Kind wird nun die Frage gerichtet: Unter welchem Becher wird die
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