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Der Schneider himmlischer Hosen

Der Schneider himmlischer Hosen

Titel: Der Schneider himmlischer Hosen
Autoren: Daniele Varè
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alles Recht zu dieser Meinung, die Arme, denn sie tippt meine Manuskripte. Dabei entdeckte sie, wie schon so mancher vor ihr, daß sich in China die Geschichte noch öfter wiederholt als anderswo.
    Kuniang äußerte sich folgendermaßen: «Warum schreibst du nicht einmal über lebendige Menschen statt dieses Zeug über Kaiser und Philosophen der Sung-Dynastie?»
    «Sie waren lebendig genug zu ihrer Zeit!»
    «Aber jetzt sind sie doch schon lange tot.»
    «Soll ich lieber einen Roman schreiben?»
    «Das wäre bestimmt lustiger. Was ist eigentlich ein Roman?»
    Ich holte das Oxford Dictionary, Band VI, vom Bücherbrett neben dem Fenster und las vor:
     
    «Ein Roman ist eine Erzählung oder Geschichte erfundenen Inhalts von beträchtlicher Länge, in der Gestalten und Vorgänge, die typisch für das Leben der Vergangenheit oder Gegenwart sind, zu einer mehr oder minder verwickelten Handlung verwoben werden.»,
     
    Kuniang sah zweifelnd drein. Anscheinend fand sie die Definition zu wissenschaftlich.
    «Das klingt kaum besser als das andere Zeug», sagte sie. «Warum schreibst du nicht einfach über Leute wie dich und mich und den Kleinen Lu?»
    Und so handeln die folgenden Seiten auch von nichts anderem. Als ich begann, erlebten wir alle nicht eben viel, und der Leser wird vielleicht finden, daß im ersten Teil dieses Buches wenig vorgeht. Doch das machten wir späterhin wett.
    Ich liebe die Stille — wahrscheinlich deshalb, weil ich so lange in China gelebt habe. Es macht mir immer Freude, meinen Gedanken und Handlungen nachzuträumen, wie man an einem friedlichen Abend nach Tisch bei Wein und Nüssen träumt. Doch ich gestehe gern, daß auch fiebrige Tage schön sind — in der Erinnerung. Und meine Erzählung kann dadurch nur gewinnen; zumindest entspricht sie dann eher dem Geschmack der heutigen Generation als die Annalen der Kaiser und Weisen, die ich einigen wenigen Sinologen — wie ich einer bin — zur Erbauung übersetzt habe.
    Wäre dieses Buch ein chinesisches Theaterstück und ich Darsteller der Hauptrolle, ich träte an die Rampe (einen Fliegenwedel aus Pferdehaar schwingend, um die bösen Geister zu verjagen) und stellte mich unter Nennung all meiner Namen und Künste einem geschätzten Publikum vor:
    «Ich bin euer demütiger Knecht...»
    Aber obgleich ich Kuniangs Vorschlag gerne ausführen und über mich, sie und den Kleinen Lu schreiben will, möchte ich doch etwas im unklaren lassen: meine eigene Person. In den folgenden Seiten wird der Leser — falls er die nötige Geduld aufbringt — manch aufschlußreiche Einzelheit aus meinem Leben finden. Aber nirgends meinen Namen.

Das Heim der fünf Tugenden
     

l
     
    Gesellschaftliche Stellung ist eine heikle Sache und ruht zuweilen auf seltsamen Grundlagen. Die meine zum Beispiel hat viel dadurch gewonnen, daß vor meinem Pekinger Wohnhaus zwei Marmorlöwen stehen. Solche Löwen finden sich sonst nur vor den Toren der kaiserlichen Paläste, vor den größten Tempeln oder im Bereich der ausländischen Gesandtschaften.
    Natürlich wurden diese Löwen nicht mir zu Ehren aufgestellt. Sie stammen aus längstvergangenen Tagen, als mein Haus ein Tempel war, geweiht zwei tatarischen Generälen: «Tapfer und treu.»
    Die Löwen sitzen jeder auf seinem eigenen Postament. Ihre Mäuler sind aufgerissen und der Gesichtsausdruck soll grimmig wirken, aber er hat etwas Gemütliches an sich wie das Knurren spielender Hunde. Sie tragen Marmorhalsbänder mit Quasten und Glöckchen, und unter der linken Pfote liegt, gleichfalls aus Marmor, zur Verzierung eine Kugel. Wären es Weibchen, läge unter der Pfote der Mutter statt der Kugel ein Junges.
    Ich habe mich oft darüber gewundert, warum die beiden Löwen vor dem Eingang meines Hauses Männchen sind, wiewohl vor andern alten Tempeln und Palästen immer Pärchen stehen. Erst Mr. Tang, mein Chinesischlehrer, gab mir die Erklärung dessen, was ich für einen offenkundigen Verstoß gegen die Riten gehalten hatte.
    Unter der Regierung des Kaisers Yung Chen erhielt ein Bildhauer den Befehl, zwei Paare von Marmorlöwen für den Hof zu meißeln. In Erfüllung dieses Auftrages arbeiteten der Meister und seine Gehilfen an allen vier Löwen zusammen, so daß sie gleichzeitig fertig wurden. Dann begab sich der Bildhauer in die Verbotene Stadt, um anzufragen, wo die beiden Paare aufgestellt werden sollten. Aber der Kaiser hatte die Sache vergessen, und die Antwort auf des Meisters Frage ließ auf sich warten. Endlich kam, eine

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