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Der Schneider himmlischer Hosen

Der Schneider himmlischer Hosen

Titel: Der Schneider himmlischer Hosen
Autoren: Daniele Varè
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Verdacht aufstieg, sie tue es vielleicht absichtlich, um Schokolade zu bekommen. Niemand nannte sie je anders als Kuniang, obgleich sie eigentlich Renata hieß.
    Zuerst spielte sie für sich allein oder mit den Hunden des K’ai-men-ti. Aber als der Kleine Lu alt genug war, um ihr nachzulaufen, ernannte er sich zu ihrem «cavaliere servente» und wich nicht von ihrer Seite. Der Kleine Lu zählte erst fünf Jahre, als Kuniang zwölf wurde, aber der Altersunterschied bildete kein Hindernis für ihre gegenseitige Sympathie und Schätzung. Stundenlang unterhielten sie sich in einem Gemisch aus Chinesisch und Pidgin-Englisch und hatten einander anscheinend viel zu erzählen. Worüber sie sprachen, weiß ich nicht, denn wenn ich in die Nähe kam, wurden sie scheu. Zuzeiten stritten sie auch, und nach den gellenden Schreien zu schließen, die durch die Höfe hallten, setzte es tüchtige Prügel für den Kleinen Lu.
    Kuniang brachte dem Kleinen Lu das alte italienische Spiel «Morra» bei, das merkwürdigerweise auch in China viel gespielt wird. Die beiden Spieler «werfen» eine Zahl aus, indem sie soundso viele Finger der einen Hand in die Höhe strecken; gleichzeitig schreit jeder, so laut er nur kann, die Zahl, die seiner Meinung nach die eigenen und des Gegners Finger zusammen ergeben.
    Der Kleine Lu verlor ständig, aber er spielte mit Leidenschaft. Unzählige Male blieb ich im Vorübergehen stehen, um dem sonderbaren Paar auf den Pavillonstufen zuzusehen: der Kleine Lu streckte die rundlichen Fingerchen aus dem Ärmel heraus, und Kuniang saß da mit ihrer blauen Kinderschürze und den beiden Zöpfen. Ein engelhaftes Lächeln verklärte das Gesicht des Kleinen Lu, wenn er einmal gewann, aber noch öfter bekam er Schelte. Die beiden sprachen englisch, riefen die Zahlen aber auf chinesisch, und zuweilen konnte man etwa folgenden Dialog hören:
    «Wu to.»
    «Pa pao.»
    «O du kleiner Dummrian, wie kannst du acht sagen, wenn du nur eins zeigst? Ich habe doch nicht mehr als fünf Finger an einer Hand.»
    Manchmal brachte Kuniang auch die Kinder der russischen Familie in mein Reich: einen Jungen namens Fjodor, der ein Jahr älter, und ein Mädchen, Natascha, das ein oder zwei Monate jünger war als sie. Anfangs schienen sie sehr schüchtern und machten wenig Lärm. Aber kaum waren sie mit der Umgebung vertraut, so faßten sie Mut. Die beiden Schildkröten, die die Seelentafeln der Tatarengenerale tragen, erwachten zum Leben: als Schaukelpferde eines unsichtbaren Ringelspiels oder als Streitrosse in heißem Kampf. Auf dem sonst so stillen Teich in meinem Garten entwickelte sich ein lebhafter Schiffsverkehr. Große Ozeandampfer und chinesische Dschonken machten wundervolle Reisen in das Reich der Phantasie und litten Schiffbruch an Riffen und Sandbänken unentdeckter Küsten. Ein langes Bambusrohr diente dazu, Schiffchen in Seenot Hilfe zu bringen. Oft zogen die Kinder Schuhe und Strümpfe aus und sprangen ins Wasser, zu den entsetzten Goldfischen.
    Mehr als einmal verriet mir — wenn ich bei meiner Arbeit saß — ein plötzliches Aufkreischen und Platschen, daß eines ausgerutscht und ins Wasser gefallen war. Danach wurden in der Sonne nasse Kleider zum Trocknen ausgebreitet, und der Eigentümer spielte in einem Kostüm weiter, das jegliche Vorsicht unnötig erscheinen ließ.
    Obwohl es mir Freude machte, den Kindern beim Spiel in Höfen und Gärten zuzusehen, blieben sie, abgesehen von Kuniang, nach einiger Zeit aus. Und zwar nachdem Fjodor den Kleinen Lu unverschämterweise am Zöpfchen gezogen hatte, das damals schon fast zwanzig Zentimeter maß. Der Kleine Lu verstand in Sachen seines Zopfes keinen Spaß, und es setzte Proteste und Gegenbeschuldigungen, in die sich aus unerfindlichen Gründen auch die Alte Gebieterin einmengte. Vielleicht beleidigten die Russenkinder, Wildlinge, die sie waren, die Alte Gebieterin — ich kenne den Fall nicht so genau —, jedenfalls aber herrschte von da an zwischen den Fünf Tugenden und der Russenfamilie ein stummer Krieg.
     
     
     

2
     
    Als Kind, als mutterloses Kind, sah Kuniang so mager, ungeschickt und zerrauft aus, daß die Ansätze von Anmut, über die sie verfügte, kaum erkennbar waren. Aber allmählich gelang es den Nonnen der Klosterschule, ihr ein gewisses Gefühl für Nettigkeit und Anstand beizubringen. Die ersten Regungen des Ewigweiblichen taten das übrige.
    Kuniangs Mutter stammte aus Skandinavien, und von ihr hatte die Kleine wohl das wunderschöne Haar, das

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