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Der Nacht ergeben

Der Nacht ergeben

Titel: Der Nacht ergeben
Autoren: Alexandra Ivy
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verführerischen Gesichtszüge wirkten im matten Licht grimmig. Grimmig und durchsetzt von etwas, was vielleicht Wut sein konnte oder Bedauern oder... Verzweiflung.
    Sie versuchte zu sprechen, aber ein heller Lichtschein loderte in ihrem Kopf auf, und mit einem erstickten Schrei tauchte sie kopfüber in die willkommene Dunkelheit ein.
     

Kapitel 2
    Umgeben von einem Silbernebel aus Schmerz schwebte Abby in einer Welt, die nicht ganz real war.
    War sie tot?
    Ganz sicher nicht. Dann würde sie in Frieden ruhen, oder? Und dann hätte sie nicht das Gefühl, dass ihre Knochen langsam zermalmt würden und ihr Kopf kurz vor der Explosion stünde.
    Wenn sie tot war, dann war diese ganze Sache mit dem Leben nach dem Tod ein großer, fetter Schwindel.
    Nein. Sie träumte wohl, versicherte sie sich schließlich selbst. Das würde bestimmt auch erklären, warum der Silbernebel sich zu teilen begann.
    Neugierig trotz des vagen Geruchs von Angst in der Luft spähte sie durch das schimmernde Licht. Nur wenige Augenblicke später erkannte sie eine düstere Kammer, die von einer flackernden Fackel nur schwach erleuchtet wurde. Mitten auf dem Steinboden lag eine junge Frau in weißen Gewändern. Ihr blasses Gesicht erschien Abby auffallend vertraut, auch wenn es schwer war, die genauen Gesichtszüge zu erkennen, da die Frau, die offensichtlich Todesqualen litt, sich wand und schrie.
    Um ihre ausgestreckte Gestalt herum saßen Frauen in grauen Umhängen im Kreis. Sie hielten sich an den Händen und sangen mit leiser Stimme. Abby konnte die Worte nicht verstehen, aber es kam ihr vor, als ob sie irgendein Ritual durchführten. Vielleicht einen Exorzismus. Oder eine Verzauberung.
    Langsam stand eine grauhaarige Frau auf und streckte ihre Hände zur dunklen Decke.
    »Auferstehe, Phönix, und entfalte deine Macht!«, rief sie mit dröhnender Stimme. »Das Opfer wurde gebracht, das Bündnis besiegelt. Segne unseren edlen Kelch. Segne ihn mit deiner Herrlichkeit. Biete ihm die Macht deines Schwertes, um das drohende Böse zu bekämpfen. Wir rufen dich. Komme hervor!«
    Purpurrote Flammen flackerten durch die Kammer, während die Frauen weiterhin sangen, und schwebten in der verrauchten Luft, bevor sie die schreiende Frau auf dem Boden einkreisten. Und dann verschmolzen die Flammen so jäh, wie sie aufgetaucht waren, mit dem Fleisch der Frau.
    Plötzlich wandte die grauhaarige Frau ihr Gesicht einer dunklen Ecke zu.
    »Die Prophezeiung wurde erfüllt. Holt die Bestie.«
    In der Erwartung, irgendein scheußliches fünfköpfiges Ungeheuer zu sehen, das sehr gut in diesen bizarren Albtraum gepasst hätte, hielt Abby den Atem an. Aber es wurde ein Mann, der mit einem weißen Rüschenhemd und einer Satinkniebundhose bekleidet war, herbeigebracht. Ein schweres Halsband aus Metall an einer Kette hing ihm um den Hals. Sein Kopf war gesenkt, so dass sein langes, rabenschwarzes Haar sein Gesicht verdeckte. Dennoch jagte eine ungute Vorahnung Abby einen kalten Schauder über den Rücken.
    »Kreatur des Bösen, du wurdest unter allen ausgewählt«, intonierte die Frau. »Bösartig ist dein Herz, und doch bist du gesegnet. Im Schatten des Todes binden wir dich. In alle Ewigkeit und darüber hinaus binden wir dich.«
    Mit einem Mal flackerte die Fackel auf, und der Mann hob mit einem entsetzlichen Knurren den Kopf.
    Nein. Das war nicht möglich. Nicht einmal in der merkwürdigen und absurden Welt der Träume. Und insbesondere nicht in einer, die sich so entsetzlich real anfühlte.
    Aber man konnte seine beängstigende Schönheit einfach nicht verkennen. Oder die glühenden silbernen Augen.
    Dante.
    Abby erschauderte vor Entsetzen. Das hier war Wahnsinn. Warum sollten diese Frauen ihn in Ketten gelegt haben? Warum sollten sie ihn ein Monster nennen? Eine Kreatur des Bösen?
    Wirklich Wahnsinn. Ein Traum. Und nicht mehr, wie sie sich selbst zu überzeugen versuchte.
    Und dann, ohne Vorwarnung, verwandelte sich das Unbehagen in eine schreckliche, unbändige Angst. Voller Wut warf Dante den Kopf in den Nacken, so dass die perfekten Alabasterzüge in flackerndes Licht getaucht wurden. In dasselbe flackernde Licht, das seine langen, tödlichen Fangzähne enthüllte.
    Als Abby schließlich wieder erwachte, waren der Silbernebel und der schlimmste Schmerz verschwunden.
    Trotzdem zwang sie sich mit ungewöhnlicher Vorsicht, vollkommen bewegungslos liegen zu bleiben. Nach dem Tag, den sie bereits hinter sich hatte, schien es ihr in diesem Moment nicht ratsam, auf

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