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Der kalte Kuss des Todes

Der kalte Kuss des Todes

Titel: Der kalte Kuss des Todes
Autoren: Tatjana Stepanowa
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PROLOG
    Über den vom nächtlichen Regen aufgeweichten Feldweg zockelte ein alter, rostiger Wolga. Am Dach war ein Gepäckträger angebracht, auf dem Bretter und Kisten festgezurrt waren. Im Wageninnern befanden sich gebündelt und gepackt alle Habseligkeiten, die man auf der Datscha brauchte. Am Steuer saß ein älterer Mann mit Brille, Stoffmütze und Hörgerät. Der Motor des Wolga ächzte angestrengt, als müsste er einen steilen Berg erklimmen und könnte die Steigung nur mit letzter Kraft bewältigen.
    »Ich sehe doch mal lieber nach, was los ist.« Der Mann hielt und stieg entschlossen aus dem Auto. »Vielleicht ist eine Öldichtung leck, und der Motor gibt womöglich noch den Geist auf.«
    Seine Frau schaute gähnend auf die Uhr: halb vier in der Früh. Zu beiden Seiten der Chaussee stand der Wald wie eine schwarze Wand; das trübe Licht der Scheinwerfer durchdrang die dichten Nebelschleier nur ein paar Meter weit. Fröstelnd zog die Frau ihre Jacke fester um den Oberkörper, stieg aus und ging zum Gebüsch am Straßenrand. Ihre Schritte klangen dumpf im Nebel. Dann verstummten sie, um gleich darauf wieder zu ertönen – schnell und eilig.
    »Da ist jemand«, flüsterte sie erschrocken. »Lass uns von hier verschwinden! Rasch!«
    »Sofort, sofort.« Der Mann machte sich immer noch am Motor zu schaffen.
    »Komm endlich! Da ist jemand! Ich hab ihn gesehen, im Wald! Und da war ein Gestank, dass einem schlecht werden konnte . . .« Sie schlug die Autotür so heftig zu, dass es knallte.
    Ihr Mann setzte sich wieder hinters Steuer.
    »Was du dir immer alles einbildest!« Er schüttelte den Kopf. »Wer soll denn um diese Zeit hier rumlaufen?«
    Er ließ den Motor an. Mühsam setzte der Wolga sich in Bewegung. Immer wieder sah die Frau sich mit gehetzten Blicken um. Auch der Mann, angesteckt von ihrer Angst, schaute jetzt über die Schulter.
    Da! Was war das? Ein Schatten huschte durch den Nebel, überquerte die Chaussee und war wieder verschwunden, als hätte er sich im Dunst aufgelöst.
    »Ist sicher bloß ein Landstreicher«, knurrte der Mann. »Irgendein Penner. Die laufen heutzutage ja überall herum.«
    Seine Frau griff schweigend ins Handschuhfach. Der Mann sah, wie sie sich hastig ein paar runde weiße Nitroglyzerinpillen in die hohle Hand schüttete. Ihre Hände zitterten. Eine Tablette rollte herunter und fiel auf den Sitz.
    Von Osten kam eine leichte morgendliche Brise auf. Der Nebelschleier lichtete sich und gab den Blick auf den Himmel frei. Über dem Wald hing die bleiche Scheibe des Mondes, starr und unbeweglich. Im Dickicht piepste verschlafen ein kleiner Vogel. Ihm folgte ein zweiter, dann noch einer. Jemand hatte ihren Schlaf gestört. Dann erklang ein seltsames Geräusch – ein lautes Schmatzen und Plätschern, als stillte ein Tier seinen Durst an einer Wassertränke. Das Geräusch kam aus einer tiefen Schlucht, deren Abhänge dicht mit jungen Espen und Birken bewachsen waren. Auf dem lehmigen Grund der Schlucht rieselte ein dünner Bach, die Reste von Schmelzwasser. In einer Grube, die sich unter den Wurzeln einer umgestürzten Birke gebildet hatte, lief das Wasser zu einem winzigen See zusammen.
    Neben der Grube konnte man undeutlich eine große, stämmige Gestalt erkennen, die sich über das Wasser beugte. Plötzlich bewegte sie sich und wurde für einen Augenblick vom Mondlicht beschienen, das durchs Laubwerk fiel. Es war ein bis zum Gürtel nackter Mann. Er bückte sich, holte tief Luft und tauchte den Kopf ins Wasser. Dann begann er zu spucken und zu husten. Wasserspritzer flogen in alle Richtungen, als er den Kopf schüttelte, mit bloßen Händen hastig das Schmelzwasser schöpfte und es sich auf Brust und Schultern schüttete, als wolle er irgendetwas abwaschen.
    Jetzt richtete der Mann sich auf. Mit einem Sprung setzte er über die umgestürzte Birke hinweg und stieg dann ohne Eile zum Grund der Schlucht hinunter. Sein Gang war weich und geräuschlos. Er hielt sich an den Stämmen und Wurzeln fest, die aus dem Lehm ragten, und kletterte geschickt den steilen Abhang hinunter. Für eine Sekunde erstarrte er und lauschte. Irgendwo weit hinter dem Wald ertönte das Pfeifen eines Zuges. Dort befand sich eine kleine Bahnstation für die Datschensiedlung. Der Morgen trat in seine Rechte, der erste Frühzug traf ein.
    Der Mann holte tief Luft. Noch nie hatte er sich so wohl gefühlt. Die leichte Brise trug ihm verschiedene Gerüche zu: klebrige Blätter, feuchte Baumrinde, Erde, den Duft

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