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Der kalte Kuss des Todes

Der kalte Kuss des Todes

Titel: Der kalte Kuss des Todes
Autoren: Tatjana Stepanowa
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ist: ein Schuss Heroin oder der Kopf seines Blutsbruders, dem er ewige Treue geschworen hat.«
    »Mir gefällt das nicht«, sagte Kolossow. »Solche Leute gelten als unheilbar krank. Stell dir vor, Karpow hätte Krebs – dann würden wir sicher nicht so mit ihm umspringen.«
    »Er hat aber keinen Krebs«, parierte Chalilow. »Und du brauchst dich nicht mit Gewissensbissen zu quälen. Es geht nicht um diesen erbärmlichen Langfinger, sondern um einen Auftragskiller.« Er wandte sich dem Dieb zu. »Also, Anton«, trieb er ihn an, »denk nicht lange nach, die Zeit drängt.«
    »Und . . . und habt ihr es dabei?« Karpows Stimme bebte.
    »Hier ist es.« Auf der Hand seines Versuchers erblickte der Hai in Augenhöhe ein Fläschchen mit einer trüben Flüssigkeit.
    »Du willst mich reinlegen, du Mistkerl!«, zischte der Hai, war jedoch wie gebannt und konnte den Blick schon nicht mehr von dem Fläschchen abwenden.
    Kolossow empfand Mitleid, als er diesen braunhaarigen Burschen mit den markanten männlichen Gesichtszügen betrachtete. Sicher ein Typ, der den Frauen gefallen hatte. Jetzt allerdings war nichts Menschliches mehr im Blick des Hais, nur nackte Gier und hündisches Flehen.
    Chalilow griff in die Innentasche seiner Jacke und holte mit trägen, gemessenen Bewegungen eine noch verpackte Einwegspritze heraus. Der Hai zog zischend die Luft durch die zusammengebissenen Zähne und verbarg das Gesicht in den mit Handschellen gefesselten Händen.
    »Ihr Hunde«, schluchzte er auf. »Ihr alle seid Hunde.«
    »Wirst du reden? Ja oder nein?«
    »Ja doch! Ja, ja, ja!«
    »Na prima. Kommst du selber damit klar, oder sollen wir dir helfen?«
    »Das kann ich selber!« Karpow warf die gefesselten Fäuste heftig nach vorn. »Nimm das ab, los, los!«
    Einer der Milizionäre, der jüngste von Kolossows Mitarbeitern, öffnete schweigend die Handschellen und wandte sich ab. Kolossow sah, wie sehr ihm diese widerwärtige Szene gegen den Strich ging.
    Mit feierlicher Miene, als zelebrierte er ein Ritual, durchstach Chalilow mit der Nadel den Gummipfropf und zog die Flüssigkeit in die Spritze auf.
    »Worauf wartest du?« Der Hai riss sich bereits krampfhaft das Jackett von den Schultern und zog den Ärmel seines stutzerhaften Angora-Rollis hoch. »Los doch!«
    »Wann hast du dich mit Grant getroffen?«, fragte Kolossow leise.
    Der Hai erstarrte.
    »Grant ist für mich wie ein Bruder«, flüsterte er. »Was tut ihr? Seid doch Menschen!«
    »Wir sind Menschen, Anton«, antwortete Chalilow. »Aber ansonsten haben wir hier das Sagen.« Und er tat so, als ließe er die Flüssigkeit zurück ins Fläschchen laufen.
    »Ich weiß nichts über ihn! Er arbeitet immer allein! Ehrenwort!«
    »Es ist ja wohl kein Geheimnis für dich, dass dein Blutsbruder wieder zurück ist.«
    Der Hai schwieg. Nur seine Wangenmuskeln arbeiteten.
    »Die Kumpel haben’s mir erzählt«, sagte er schließlich mit zittriger Stimme. »Aber ich schwöre bei allem, was ihr wollt – wir haben uns schon ’ne halbe Ewigkeit nicht mehr getroffen.«
    »Das glaube ich dir sogar«, knurrte Chalilow. »Dein Blutsbrüderchen hat mal wieder einen Kunden um die Ecke gebracht. Die Arbeit ist ihm wichtiger als Verwandtenbesuche. Aber jetzt erzähl uns mal frank und frei – wo sollen wir Grant suchen?«
    Der Dieb fuhr zusammen, als hätte ihn eine Wespe gestochen.
    »Woher soll ich das wissen? Ich sagte doch, wir haben uns lange nicht getroffen!«
    »Na, wozu hast du denn deinen Verstand, Hai?« Chalilow warf die Spritze zusammen mit dem Fläschchen in seiner Hand spielerisch in die Höhe. »Dein Brüderchen ist ein konservativer Mensch, er ändert seine Gewohnheiten nicht. Na? Du sagst doch, er arbeitet immer allein. Was macht er denn nach der Erledigung eines Auftrags? Auf welche Weise verschwindet er? Hat er ein Auto? Welche Marke? Wo hat er es stehen?«
    Karpow schwieg hartnäckig. Sein Schweiß floss in Strömen.
    »Er nimmt niemals ein Auto mit zur Arbeit«, presste er schließlich hervor.
    »Wie kommt er dann weg?«
    »Er hat mir mal gesagt«, der Hai starrte jetzt unverwandt auf die Spritze, »das Wichtigste ist die Einfachheit.«
    »Und was heißt das?«
    »Bevor er einen Auftrag erledigt, da . . . da spioniert er die Gegend aus. Öffentliche Verkehrsmittel, Fahrtrouten und so weiter. . . Er sieht sich die nächste Haltestelle an, egal ob von Bus, Straßenbahn, U-Bahn, Zug oder was weiß ich. Wenn alles sauber und ordentlich erledigt ist«, der Hai stockte kurz, »lässt er

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