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Der Grosse Eisenbahnraub: Roman

Der Grosse Eisenbahnraub: Roman

Titel: Der Grosse Eisenbahnraub: Roman
Autoren: Michael Crichton
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Das Vorspiel
    Vierzig Minuten nach der Abfahrt aus London, bei der Fahrt durch die sanft geschwungenen grünen Felder und Kirschgärten Kents, erreichte der Morgenzug der South Eastern Railway seine Höchstgeschwindigkeit von vierundfünfzig Meilen in der Stunde. Auf der leuchtendblauen Lokomotive war der Lokführer in seiner roten Uniform zu erkennen. Er stand aufrecht im Windzug. Keine Kabine oder Windschutzscheibe bot ihm Schutz. Vor ihm, tief gebückt, schaufelte der Maschinist Kohle in das glühende Innere des Kessels. Hinter der fauchenden Lokomotive und dem Tender folgten drei gelbe Erster-Klasse-Wagen, denen sich sieben grüne Zweiter-KlasseWagen anschlossen. Am Ende des Zugs befand sich ein grauer, fensterloser Packwagen.
    Während der Zug ratternd der Küste entgegendampfte, öffnete sich plötzlich die Schiebetür des Packwagens und gab den Blick auf einen heftigen Kampf frei, der sich im Wageninnern abspielte. Es war ein Kampf unter höchst ungleichen Voraussetzungen: Ein schmächtiger junger Mann in ärmlicher Kleidung schlug auf einen stämmigen blauuniformierten Wachmann der Bahngesellschaft ein. Obwohl von schwächerer Konstitution, schlug der junge Mann sich wacker und brachte sogar einen oder zwei beachtliche Schläge bei seinem sich duckenden Gegner an. Der Wachmann, der unter den Hieben schon in die Knie gegangen war, machte überraschend einen Satz nach vorn, der den jungen Mann unvorbereitet traf und durch die geöffnete Tür hinausschleuderte, so daß er sich mehrfach wie eine Stoffpuppe überschlug und schließlich am Boden liegenblieb.
    Der Wachmann rang keuchend nach Luft und blickte auf die rasch kleiner werdende Gestalt des hinausgestürzten jungen Mannes zurück. Dann schloß er die Schiebetür. Der Zug raste weiter und ließ ein gellendes Pfeifsignal hören. Bald war er hinter einer sanften Biegung verschwunden, und man hörte nur noch das schwache Geräusch der keuchenden Lokomotive und sah nur noch die flüchtigen Schwaden grauen Rauchs, die sich langsam auf den Schienenstrang und den reglosen Körper des jungen Mannes herabsenkten.
    Nach ein, zwei Minuten rührte sich der junge Mann. Wie unter großen Schmerzen richtete er sich auf einem Ellbogen auf. Er schien wieder auf die Beine zu kommen. Aber seine Anstrengungen waren fruchtlos. Er brach wieder zusammen und fiel auf die Erde zurück. Ein letztes konvulsivisches Zucken durchfuhr seinen Körper, und er blieb reglos liegen.
    Eine halbe Stunde später rollte eine elegante schwarze Kutsche mit karmesinroten Rädern den Feldweg hinunter, der parallel zur Bahnstrecke verlief. Die Kutsche gelangte an einen Hügel, und dort brachte der Kutscher das Pferd zum Stehen. Ein modisch gekleideter Herr entstieg der Kalesche. Er trug einen dunkelgrünen samtenen Gehrock und einen Zylinder aus grauem Seidenfilz. Der Herr erklomm den Hügel, preßte ein Binokular an die Augen und ließ den Blick über den Schienenstrang schweifen. Sogleich hatte er den Körper des ausgestreckt daliegenden jungen Mannes im Blickfeld. Der Herr machte aber keinerlei Anstalten, sich ihm zu nähern oder ihm irgendwie zu Hilfe zu kommen. Im Gegenteil, er blieb auf dem Hügel stehen, bis er sich vergewissert hatte, daß der junge Bursche tot war. Erst dann wandte er sich ab und bestieg seine Kutsche. Er fuhr in die Richtung, aus der er gekommen war. Nach Norden, nach London.

Der Kopf des Unternehmens
    Der modisch gekleidete Herr hieß Edward Pierce, und dafür, daß es ihm bestimmt war, so berüchtigt zu werden, daß sogar Königin Victoria den Wunsch äußerte, ihn kennenzulernen – oder, falls sich das verbieten sollte, seiner Hinrichtung beizuwohnen –, war er eine seltsam mysteriöse Gestalt. Was seine äußere Erscheinung betraf, war Pierce ein hochgewachsener, gutaussehender Mann Anfang der Dreißig. Er trug einen roten Vollbart in dem modischen Schnitt, der sich seit kurzem besonders bei Regierungsbeamten großer Beliebtheit erfreute. Seine Sprache, sein Auftreten und seine Kleidung deuteten auf einen Mann von Bildung hin, auf Wohlhabenheit dazu. Er war, wie es später hieß, »sehr charmant und verfügte über gewinnende Manieren«. Er behauptete, Waise einer Landadelsfamilie aus den Midlands zu sein und in Winchester und später auch in Cambridge studiert zu haben. Er war eine in der Gesellschaft Londons bekannte Gestalt und zählte Minister, Parlamentsabgeordnete, Diplomaten, Bankiers und andere Herren von Stand und Einfluß zu seinen Bekannten. Er war

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