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Babylon in Hongkong

Babylon in Hongkong

Titel: Babylon in Hongkong
Autoren: Jason Dark
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Suko band den Knoten des Handtuchs dicht über seinem Bauchnabel fest, wollte die Spindtür schließen und blieb plötzlich stehen. Etwas störte ihn.
    Nicht die Ruhe innerhalb der Umkleidekabine, auch nicht das Schimpfen des Bademeisters draußen, der sich mit einigen Halbwüchsigen angelegt hatte, und ebenfalls nicht das gelbliche Licht, das nur spärlich durch die dicken Glasbausteine an der Westseite des Baues sickerte. Es war ein heftiges Atmen, das ihn aufhorchen ließ.
    Es hörte sich an, als würde ein Mensch keuchen, der einen langen Lauf hinter sich hatte.
    Suko rührte sich nicht. Sein trainierter Instinkt, gepaart mit einem hellwachen Verstand, sagte ihm, daß er in den nächsten Sekunden eine Überraschung erleben würde.
    Er wollte die Spindtür wieder aufziehen, um die Beretta herauszuholen, überlegte es sich aber, weil das Geräusch der sich öffnenden Tür den anderen unter Umständen hätte warnen können.
    So wartete er ab. Er schlüpfte nur aus den Badelatschen, denn barfüßig hatte er einen besseren Halt, wenn es darauf ankam. Sein Spind war der letzte in der langen Reihe. Die Bodenfliesen glänzten nur matt, sie würden später geputzt werden.
    Dann sah er ihn.
    Er tauchte am Ende der schmalen Spindreihe auf. Ein noch junger Mann, ziemlich nachlässig gekleidet. Um die Stirn trug er einen blassen Reifen, der das lange, pechschwarze Haar in Form hielt. Hatte er gekeucht?
    Der junge Mann schaute sich vorsichtig um. Er wischte die nassen Handflächen am Stoff der Jeans ab, bevor er Suko anstarrte. Suko entspannte sich, weil er keine Waffe bei dem Ankömmling entdecken konnte.
    Er ließ ihn herankommen. Als der Schmalschultrige die Distanz um die Hälfte verkürzt hatte, sprach Suko ihn an. »Wollen Sie zu mir, Mister?«
    »Sind Sie Suko?«
    »Seit meiner Geburt.«
    Der andere lachte.
    »Geburt ist gut.«
    »Und wie heißen Sie?«
    »Nennen Sie mich einfach den Namenlosen. Ich habe vergessen, wie ich heiße.«
    Suko grinste schief. »Namenlos haben Sie gesagt? Wissen Sie, ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mit Namenlosen nicht zu sprechen.«
    »Kann sein.«
    »Dann verschwinden Sie…«
    »Nein, nein, Sie verstehen mich falsch.« Der junge Mann streckte seinen Arm aus. »Mit mir werden Sie reden müssen, Suko. Ich habe Ihnen nämlich etwas zu übergeben.«
    »Was?«
    Der Junge gab nicht sofort eine Antwort. Wieder schaute er sich um, als hätte er Furcht davor, überrascht zu werden.
    Das stieß Suko sauer auf. »Was ist mit Ihnen, Meister? Weshalb schauen Sie sich um?«
    »Ich… ich habe so ein Gefühl.«
    »Werden Sie verfolgt?«
    »Eigentlich dachte ich, sie abgeschüttelt zu haben. Aber jetzt…«
    Er räusperte sich. »Ist auch egal. Ich bin nur der Überbringer, mehr nicht. Mehr will ich auch nicht sein.«
    »Was wollen Sie mir geben?«
    Der Namenlose atmete tief durch. »Eine Nachricht, mehr nicht. Ich habe den Brief bekommen und…«
    »Wer ist der Absender?«
    »Ihr…« Weiter kam der junge Mann nicht. Plötzlich entstand hinter ihm, genau dort, wo die lange Reihe der Spindschränke aufhörte, eine Bewegung. Es machte ›puff‹, etwas pfiff durch die Luft, und Suko sah, wie der Bote zusammenzuckte, dann nach vorn stolperte und ihm entgegenfiel. Suko streckte instinktiv seine Arme aus, um den jungen Mann aufzufangen.
    Er schaute in ein teigigblasses Gesicht, in starre Augen und sah einen dünnen Blutfaden aus dem linken Auge sickern. Ansonsten gab der Bote kein Lebenszeichen von sich. Eine Hand steckte noch immer unter der dünnen Jacke aus Plastik, die ein Lederimitat darstellte. Dem Jungen war nicht mehr zu helfen. Ein Pfeil hatte ihn genau im Hinterkopf erwischt.
    Suko ließ ihn zu Boden gleiten. Das alles war innerhalb weniger Sekunden geschehen, aber der Mörder hatte sich bereits zurückgezogen. Suko riß die Beretta aus dem Spind, fuhr herum - und lag plötzlich flach, als er wieder dieses verdammte Geräusch vernahm. Am Ende der Reihe sah er den schwarzen Gegenstand, der um die Spindecke geschoben worden war. Diese mörderische Waffe, die tödliche Pfeile verschoß.
    Diesmal traf der Pfeil nicht.
    Suko hörte, wie der Pfeil an den Vorderseiten der Schränke entlangratschte.
    Aber auch er kam zu keinem gezielten Schuß, denn der Killer befand sich bereits auf der Flucht. Er war dorthin gelaufen, wo sich die großen Baderäume befanden.
    Ein kaltes Lächeln kerbte Sukos Lippen, als er daran dachte. Dort bei den Baderäumen gab es zwar viel, nur eben keinen zweiten Ausgang, durch

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