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Äon - Roman

Titel: Äon - Roman
Autoren: Heyne
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genug.« Er musterte den Muslim auf der anderen Seite des Schreibtischs. »Wir sind Feinde«, sagte er langsam, »und doch sitzen wir hier und sprechen über eine … gemeinsame Sache.«
    »Wir sind Menschen«, erwiderte Al-Kamil. »Und die Gefahr betrifft uns alle. Ihr wisst, was geschehen wird, wenn sich jene Geschöpfe zum richtigen Zeitpunkt treffen. Es wäre das Ende der uns vertrauten Welt.«
    Innozenz III. nickte ernst. »Wir tragen Verantwortung.«
    »Ja, Euer Heiligkeit«, sagte der Araber. »Wir tragen Verantwortung, und oft ist sie schwerer als ein Schwert.«
    »In diesem besonderen Fall nützen uns Schwerter nicht viel.«
    »Ich fürchte, wir hätten nicht genug, Euer Heiligkeit. Nicht einmal dann, wenn wir alle Klingen in Palästina nähmen und sie auf ein gemeinsames Ziel richteten.«
    »Sechs Kinder …«, murmelte Innozenz.
    »Nicht unbedingt Kinder. Aber Teilnehmer des Kreuzzugs.«
    Der Papst richtete erneut einen wachsamen Blick auf sein Gegenüber. »Wie habt Ihr davon erfahren? Und woher kennt Ihr den genauen Treffpunkt?«
    Al-Kamil lächelte. »Allah ist mächtig.«
    »Viele Wahrheiten könnten ins Wanken geraten«, sagte Innozenz III. »Nicht nur die unsere.«
    Der Araber beugte sich ein wenig vor. »Wir stehen an einem Scheideweg, Euer Heiligkeit. Wenn wir jetzt nicht die notwendigen Maßnahmen ergreifen, gerät alles ins Wanken,
nicht nur das, was bisher als wahr galt. Lasst uns Bewahrer der Vergangenheit sein und auf ihrem Fundament die Zukunft bauen.«
    »Die des Islam und der katholischen Kirche?«
    »Die Zukunft der ganzen Welt, Euer Heiligkeit. Die Alternative wäre ein Chaos, dem wir alle zum Opfer fielen. Wir haben gewisse Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen«, sagte Al-Kamil. »Ich bin sicher, das gilt auch für Euch.«
    »Sechs Kinder«, wiederholte Innozenz III. mit schwerer Stimme. »Und Tausende sind unterwegs. Sie haben schon viel hinter sich, und es erwartet sie noch mehr Leid.«
    »Es ist der Preis für die Zukunft unserer Welt.«
    »Ich fürchte, da muss ich Euch zustimmen.« Der Papst atmete tief durch. »Ich werde alles tun, um zu verhindern, dass der Kinderkreuzzug sein Ziel erreicht.« Eine Entscheidung war getroffen. Leicht fiel sie ihm nicht, aber sie gehorchte dem Gebot der Notwendigkeit. Eine Katastrophe musste verhindert werden.
    Er stand auf, und daraufhin erhob sich auch der Besucher.
    Al-Kamil deutete erneut eine Verbeugung an. »Ich danke Eurer Heiligkeit für das Gespräch. Wenn es doch nur möglich wäre, alle unsere Probleme auf diese Weise aus der Welt zu schaffen.«
    »Oft denken wir voller Sorge an die Zukunft«, sagte Innozenz, ohne auf die letzten Worte des Muslims einzugehen. »Aber manchmal holt uns die Vergangenheit ein.«
    Sie verabschiedeten sich, und Al-Kamil Muhammad al-Malik verließ das Arbeitszimmer des Papstes.
    Innozenz III. ging zu einer Schüssel mit Wasser und wusch sich die Hände, weil er Al-Kamils Hand berührt hatte.

1
    Hamburg, heute
    D ie Welt war rot von Blut. Die Frau hatte gesehen, wie es aus zwei kleinen Körpern spritzte: über Laken, Decke und Kopfkissen, an die Wand, auf Plüschtiere und eine immer noch leise summende Playstation. Es lief über den kleinen Fernseher, der sinnlose Bilder zeigte, und mit dem rhythmischen Pochen eines Taktgebers tropfte es auf den Boden. Die Frau - sie entsann sich nicht mehr an ihren Namen - hob die rechte Hand, die noch immer das Messer hielt, dann auch die andere. Blut klebte an den Fingern, das Blut ihrer Kinder.
    Sie sah auf die beiden Leichen hinab. Das Mädchen war viel zu überrascht gewesen und hatte sich nicht gewehrt, aber der Junge hatte versucht, Widerstand zu leisten. Mama, was machst du da?, hallte ein Echo in ihren Ohren. Mama, leg das Messer weg …
    Auch an die Namen der Kinder erinnerte sie sich nicht mehr. Sie hatten sterben müssen, das stand fest. Und es war noch nicht zu Ende.
    Die Schlange musste befreit werden. Die Schlange … Sie wollte leben und kriechen.
    Die Frau hielt das Messer fest in der rechten Hand, als sie das Schlafzimmer verließ und durch den Flur ins Wohnzimmer ging. Hinter der breiten Fensterfront leuchteten die Lichter
der Stadt in der Nacht, und einige von ihnen spiegelten sich auf der Elbe wider. Der große, flache Fernseher an der Wand lief, und Stimmen kamen aus den Lautsprechern, aber sie hatten keine Bedeutung. Wichtig war nur die Schlange, die befreit werden wollte.
    Befreiung … Dunkelheit empfängt sie, seit langer Zeit, lange genug, um sie zu

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