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Äon - Roman

Titel: Äon - Roman
Autoren: Heyne
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schwächen. Sie fühlt, dass sie nicht allein ist. Andere wie sie befinden sich in der Nähe, ohne dass sie mit ihnen kommunizieren kann. Sie wartet in einem Zustand, der dem Schlaf ähnelt, und schließlich wird ihre Geduld belohnt. Über ihr bewegt sich etwas, und Licht fällt auf sie herab. Sie bewegt sich …
    Seltsame Bilder zogen durch ihren Kopf. Viele von ihnen verstand sie nicht, aber eins zeigte ihr, wie sie der Schlange Freiheit geben konnte. Im blassen Gesicht der Frau zuckten die Lippen, deuteten fast so etwas wie ein Lächeln an, als sie das Messer beiseitelegte und sich auszog. Wenige Momente später stand sie nackt da, im Schein der kleinen Lampe neben dem Fernseher, dessen Licht durchs Wohnzimmer flackerte. Langsam sank sie zu Boden und kroch über den Teppich, wand sich wie eine Schlange.
    Aber das genügte nicht.
    Sie verharrte kurz, horchte in sich hinein, stand auf und nahm das Messer, an dem das Blut ihrer Kinder klebte.
    Sie streift die Fesseln der Dunkelheit ab, richtet sich auf und klettert nach oben, während weiter unten auch die anderen erwachen. Ein Gesicht erscheint vor ihr, das Gesicht eines Menschen, eines bärtigen, schmutzigen Mannes, und sie sieht, wie er die Augen aufreißt und Entsetzen in ihnen glänzt. Sie greift nach dem Gesicht, reißt es von den Knochen und empfängt den Schmerz, der ihr ein wenig Kraft gibt. Es ist längst nicht genug, doch oben gibt es noch mehr Menschen …

    Das Telefon klingelte, und die Frau neigte den Kopf ein wenig zur Seite, lauschte dem Geräusch. Nach dem vierten Klingeln meldete sich der Anrufbeantworter.
    »Hallo, hier ist Monika. Leider bin ich zur Zeit nicht zu erreichen. Wenn du das bist, Fabian: Bitte lass mich in Ruhe. Für alle anderen gilt: Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht. Ich rufe so bald wie möglich zurück.«
    Die Frau hörte ihre eigene Stimme, erkannte sie aber nicht. Es klickte, und eine Sekunde später erklang eine andere Stimme, die eines Mannes.
    »Verdammt, Moni, warum schottest du dich so vor mir ab? Lass uns darüber reden. Ich meine, man kann doch über alles reden, oder?« Zwei oder drei Sekunden lang schwieg die Stimme, und im Hintergrund erklang Musik. »Morgen habe ich den ganzen Tag zu tun, Moni, aber am Abend könnte ich zu dir kommen. Was hältst du davon? Wir setzen uns in aller Ruhe zusammen und …«
    Es klickte erneut. »Vielen Dank für Ihre Nachricht«, sagte der Anrufbeantworter.
    Stille folgte. Selbst der Fernseher blieb stumm.
    Menschen schreien, als auch die anderen ihren Kerker verlassen. Über ihnen und der Stadt brennt die Sonne am Himmel, heiß und hell, und von der Wüste weht ein trockener Wind. Viele Geräusche erklingen, dominiert von entsetzten Schreien, aber trotzdem herrscht Stille. Es ist jene Art von Stille, die entsteht, wenn keine Stimmen erklingen. Sie horcht, hört aber nur das Flüstern der anderen. Fünf sind es, die Letzten, die Übriggebliebenen, denn der Schar ist es damals gelungen, alle Zugänge zu schließen. Die Stimmen, die einst die Welt erfüllten, sie existieren hier nicht mehr.
    Die Frau ging in die Hocke, streckte sich auf dem Teppich
aus und hob das Messer. Das Licht der Lampe fiel auf die Klinge, glitzerte auf silbernem Stahl. Sie drehte das Messer, bis die Spitze nach unten zeigte, senkte es dann langsam.
    Ihr Herz klopfte schneller.
    Die Schlange wartete. Sie wartete in ihr.
    Sie hat den Kerker verlassen, der von der Schar geschaffen wurde, aber sie weiß, dass sie und ihre fünf Gefährten noch immer gefangen sind. Es ist eine andere Art von Unfreiheit, und Warten allein genügt nicht, um - vielleicht - in die Freiheit zurückzukehren. Am Rande der Stadt, über einen Soldaten gebeugt, dessen Schwert in seinem Leib steckt, lauscht sie dem langsamer werdenden Herzschlag des Sterbenden und erinnert sich daran, dass es noch einen anderen Herzschlag gibt, den der Welt, ein Herz, das nur einmal in acht Jahrhunderten schlägt …
    Die Spitze des Messers berührte ihre Haut, einige Zentimeter über dem Schamhaar, versprach Erleichterung und Befreiung. Langsam drückte sie die Klinge tiefer, Millimeter für Millimeter. Zuerst leistete die Haut Widerstand - so wie der Junge - und wölbte sich unter der Spitze, doch dann gab sie nach und riss.
    Und so wie die Haut reißt, begreift die Frau, kann auch eine Membran reißen, dünn wie die Oberflächenspannung des Wassers, und doch so fest wie eine dicke Stahlwand. Aber nicht hier, nicht an diesem Ort und nicht zu dieser Zeit.
    Die

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