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Äon - Roman

Titel: Äon - Roman
Autoren: Heyne
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Frau ächzte leise, und ihre Lider zuckten. Die Hand mit dem Messer verharrte kurz, drückte es dann noch tiefer, etwas schneller als zuvor, bis die Klinge fast bis zum Heft im Unterleib steckte. Sie atmete mehrmals tief durch - der Schmerz spielte keine Rolle, er war sogar willkommen, aber sie fühlte, wie sie Kraft verlor, und sie musste es zu Ende bringen, bevor sie zu schwach dafür war. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich
nicht, als sie das Messer nach oben zog, in Richtung Kinn. Die scharfe Klinge schnitt den Körper auf, und es kam noch mehr Blut.
    Und die Schlange.
    Als das Messer die Brust erreichte, hielt die Frau inne und ließ es los. Sie hob den Kopf und beobachtete, wie die Gedärme aus dem aufgeschlitzten Bauch quollen und auf den Boden rutschten, sich dort so hin und her wanden wie sie selbst ein oder zwei Minuten zuvor.
    Die Frau ließ den Kopf sinken und lächelte.
    Das Leben floss warm und rot aus ihr heraus.
    Im Tod löste sich etwas von ihren Lippen, grau und vage. Es suchte nach etwas, und als die Suche ohne Erfolg blieb, verschwand es wie in kalter Luft kondensierter Atem.

2
    Hamburg
    S ebastian saß beim dritten Bier und dem ersten Whisky, von Kopfschmerzen geplagt, als der Typ in der Ecke ausflippte.
    Der Kerl schrie seine Begleiterin an - eine Brünette um die dreißig, übertrieben gestylt -, aber leider war die Musik in »Rudis Karussell« so laut, dass Sebastian kein Wort verstand. Sein Instinkt meldete sich und flüsterte ihm zu, dass es hier vielleicht eine interessante Story gab, wenn er aufpasste.
    »Gregor ist heute spät dran«, sagte Steffen und kippte den vierten Wodka. Er trank das Zeug wie Wasser. »Aber er kommt bestimmt, glaub mir.«
    Gregor, das war ein besserer Laufbursche der Russenmafia, die einen Teil von St. Pauli weiter im Süden kontrollierte. Kein großes Licht beim Iwan, eher eine kleine Laterne in einer abgelegenen Seitengasse. Aber Sebastian hatte seine Quellen und wusste, dass in dieser Nacht bei den Landungsbrücken irgendein Ding steigen sollte. Möglich war alles, von Drogen aus Kolumbien oder dem Iran bis hin zu Waffengeschäften mit Afrika, und Sebastian hatte sich extra eine Digitalkamera ausgeliehen, mit der man auch Infrarotaufnahmen machen konnte.
    »Was tut der Bursche da?«, fragte er.

    »Welcher Bursche?«
    »Dort hinten in der Ecke. Neben Madame Was-bin-ichschön.«
    Steffen sah am Karussell mit den Go-go-Girls vorbei, das sich neben der Tanzfläche drehte. Sechs oder sieben Meter trennten sie von dem Kerl in der Ecke, aber Sebastian sah deutlich die Sehnen an seinem Hals, und das Gesicht war rot angelaufen.
    »Streitet mit seiner Freundin«, sagte Steffen und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie ihm das Hemd falsch gebügelt.«
    »Sie scheint mir nicht der Bügeltyp zu sein. Sieh dir den Kerl nur an. Steht wie unter Strom. Kennst du ihn?«
    Steffen sah noch einmal hin. »Nie gesehen. Ein Normalo, wenn du mich fragst. Hat sich mit Pretty Woman hierher verirrt.« Sein Blick kehrte zum Eingang zurück, auf der Suche nach Gregor.
    Steffen konnte andere Menschen gut einschätzen; er verstand es fast immer, sie den richtigen Kategorien zuzuordnen. Aber er legte dabei seine eigenen Maßstäbe an, und die unterschieden sich von denen Sebastians. Der Mann in der Ecke - Mitte dreißig, gepflegt, gut gekleidet - war tatsächlich ein »Normalo«, wie Steffen alle nannte, die nichts mit Drogen und Prostitution zu tun hatten, aber er war keineswegs normal. Ob er wirklich unter Strom stand, wusste Sebastian nicht zu sagen - er konnte sich was reingezogen haben, bevor er ins Karussell gekommen war. Aber am Alkohol lag es nicht. Auf dem Tisch standen nur zwei Martini-Gläser, und mehr hatte der Kellner nicht gebracht. Sebastian achtete auf solche Dinge; vielleicht lag es daran, dass die Kellner bei ihm immer mehr Arbeit hatten.

    »Ich verstehe das nicht«, sagte Steffen. »Sonst ist Gregor immer pünktlich. Er wollte um zehn hier sein.« Er drehte den kahlen Kopf mit dem Drachen-Tattoo und sah Sebastian an. »Nur zeigen, Kumpel, mehr nicht. Ein persönlicher Gefallen. Wegen der guten alten Zeiten.«
    »Und wegen der zweihundert, die ich dir gegeben habe.«
    »Nur zeigen«, wiederholte Steffen und hob sein leeres Wodkaglas, als ein Kellner vorbeikam. »Ich zeige dir, wer Gregor ist, und ich nenne dir den Ort. Der Rest liegt bei dir. Bau keine Scheiße, Bastian. Wir wollen hier keinen Ärger. Und die Russen verstehen keinen Spaß, denk dran.«
    Sebastian

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