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Äon - Roman

Titel: Äon - Roman
Autoren: Heyne
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gewählten Worten mehr wahrnehmen, als er ausdrücken wollte. »Was hast du gesehen?«
    Sebastian dachte an den Brief des Hieronymus. Wie würde ein gläubiger Katholik auf die Nachricht reagieren, dass vor tausendsechshundert Jahren jemand die Bibel neu geschrieben hatte? Sie war die Grundlage der Kirche, ihr Fundament. Doch wenn sich herausstellte, dass die göttliche Wahrheit, die den
Menschen über zweitausend Jahre hinweg Hoffnung gegeben hatte, in Wirklichkeit die Wahrheit eines Menschen war, und dass es in ihr Stimmen gab, die von Unheil flüsterten … Worte konnten mächtig sein, hatte der Papst in Ignazios Erinnerung betont. Sie beeinflussten das Denken und Fühlen der Menschen, und damit ihr Verhalten. Subtile Worte, im ganzen Text verstreut, wie eine verborgene Saat für das Unterbewusstsein des ungewappneten Lesers … War es nicht besser, auf diese Gefahr hinzuweisen? Aber vielleicht wäre mit einer solchen Enthüllung der Plan der Sechs aufgegangen - vielleicht war es ihnen von Anfang an darum gegangen, den Glauben von Millionen Katholiken zu erschüttern. Sebastian fühlte sich in der Zwickmühle und ahnte, wie schwer Hieronymus damals die Entscheidung gefallen sein musste.
    »Bastian?«
    »Ich habe einen Mann gesehen, der sich geopfert hat«, sagte Sebastian. Was wahr gewesen ist, muss wahr bleiben, dachte er und musterte Anna. Er fühlte sich ihr nahe, sogar näher als jemals zuvor, und er wollte sie nicht enttäuschen. »Ohne ihn wären wir jetzt nicht hier.«
    Anna zögerte einige Sekunden und schien nicht ganz sicher zu sein, ob sie die richtige Antwort bekommen hatte. Dann fragte sie: »Was ist mit ihnen geschehen? Mit den Nephilim, meine ich?«
    Sebastian stand auf, ging zum Nachtschränkchen neben dem Bett und holte das Medaillon daraus hervor. Der goldene Deckel war zerkratzt und geschlossen. Sebastian versuchte nicht, ihn zu öffnen, obwohl er sicher war, dass er sich jetzt nicht mehr öffnen ließ. Nicht von einer Hand, nicht von seiner allein.

    Er kehrte damit zum Tisch zurück und nahm wieder Platz. »Sie sind in ihre Welt zurückgekehrt«, log er. Wie hätte er erklären sollen, dass fünf der Sechs im Medaillon steckten, aufgesaugt von der besonderen Leere darin? Was der Goldschmied Esebian damals geschaffen hatte, überstieg sein Verständnis bei weitem. Er wusste nur, dass es wie ein Medaillon aussah und aus einem Gold bestand, das einmal Teil eines Schwerts gewesen war, jenes Schwerts, das der auf dem Deckel dargestellte Krieger vor fast fünftausend Jahren in der Hand gehalten hatte. Manchmal war eine Lüge besser als die Wahrheit. In diesem Fall sollte sie verhindern, dass das Medaillon in falsche Hände geriet - er hatte eigene Pläne damit. »Das Medaillon zwang sie durch den Riss in der Barriere. Frag mich nicht nach dem Wie, Anna. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich weiß nur, dass sich der Deckel öffnete, als auch Raffaeles Finger ihn berührten, und was dann geschah …« Er zuckte mit den Schultern. »Wichtig ist nur, dass jetzt keine Gefahr mehr besteht.«
    Sebastian trank einen Schluck Kaffee und wich weiteren Fragen aus, indem er durchs Zimmer deutete. »Irre ich mich, oder ist dies eine Quarantänestation?«
    »Du irrst dich nicht.«
    »Und wir sitzen beide hier drin?«
    »Wir waren die ganze Zeit über zusammen, oder?«
    »Ja, das waren wir. Und …«
    »Ja?«
    »Vielleicht sollten wir auch weiterhin zusammenbleiben, Anna.«
    Sie beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände. »Wie romantisch du das sagst, Bastian.«

    Er lächelte. »Ich hoffe, für romantische Dinge haben wir später noch Zeit genug.«
    »Jede Menge. Sobald man uns für unbedenklich erklärt hat.«
    »Für un besessen , meinst du wohl.«
    »So könnte man es auch nennen.« Anna stand auf. »Draußen warten ein gewisser Bernard Gérôme, Leiter der hiesigen Sonderkommission, und ein Deutscher namens Ernst Tanner. Sie möchten uns - vor allem dir - einige Fragen stellen.«
    »Einige?«
    »Viele. Und keine Sorge. Ich habe ihnen nichts von dem Medaillon gesagt.«
    Sebastian stand ebenfalls auf und bewunderte einmal mehr Annas Scharfsinn - sie hatte verstanden. »Ich werde sie alle beantworten, so gut es geht. Oder fast alle.« Er schlang die Arme um Anna, und sie gab ihm einen Kuss, der mehr versprach, viel mehr.
     
    Gut drei Wochen später, Ende Oktober, saß Sebastian an einem warmen Abend erneut auf der Terrasse vor Annas Haus bei Reggio Calabria und trank

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