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239 - An der Pforte des Hades

239 - An der Pforte des Hades

Titel: 239 - An der Pforte des Hades
Autoren: Mia Zorn
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    August 2484, Nischni-Nowgorod
    Grau lag das Dämmerlicht des Morgens auf dem Geröllstreifen, der Eisfeld und schneefreie Landfläche voneinander trennte. Der antarktische Winter ging zu Ende. Dennoch würde es heute nicht viel heller werden. Kommandant Andreij Baschk starrte über die Ebene, die noch vor ihnen lag. Hier und da ragten schwarze Skelette von Buschwerk aus dem gefrorenen Boden. In der Ferne glaubte er den Steinwall erkennen zu können, hinter dem die alte Ruine lag. Bei diesem Tempo würden sie vermutlich noch Stunden brauchen, bis sie ihr Basislager erreichten.
    Stunden, die ihnen fehlen würden, wollten sie sich noch mit ihrer Beute vergnügen. Der Kommandant hatte nicht die geringste Lust, auch nur auf eine Sekunde davon zu verzichten. Die Jagd war anstrengend gewesen. Und die grimmige Kälte tat ihr Übriges. Sie hatten sich die Belohnung mehr als verdient.
    Er zog sich die Kapuze seiner weißen Thermouniform tiefer in sein kantiges Gesicht und wandte sich den vier Kameraden in seinem Rücken zu. Wie pelzige Käfer krochen die Soldaten mit den Gefangenen dem Geröllstreifen entgegen. Vorneweg der Einäugige. Er war der Älteste in Baschks Spezialeinheit. Ein Schrank von einem Mann, der selten sprach.
    Wenige Meter hinter ihm folgte Gjorgi. Ein großer drahtiger Bursche, der wegen des Tempos, das er stets vorlegte, in der Einheit nur »Wiesel« genannt wurde. Im Augenblick allerdings war er alles andere als schnell. Wie ein Schlafwandler versuchte er mit dem Einäugigen Schritt zu halten. Nicht anders sah es bei dem Rest der Mannschaft aus. Anstatt die Gefangenen voran zu treiben, passten sie sich ihrer langsamen Geschwindigkeit an.
    »Dawai, dawai!«, brüllte der Kommandant. »Wenn ihr noch etwas von ihnen haben wollt, benutzt eure Knüppel!«
    »Es sind die Kinder! Sie können das Tempo nicht mithalten! Ich schlage keine Kinder!«, hörte er einen der Männer rufen. Es war der Unteroffizier Kusmah. Ein untersetzter Mann mit Vollbart, der das erste Mal bei der Jagd auf Pachachaos dabei war. Er blieb stehen und stieß den Kolben seines Gewehrs in die Schneedecke.
    »Seit wann so zimperlich, Kusmah?« Baschk verließ das Geröll. »Das sind Wilde. Eisbarbaren. Nicht Mensch und nicht Tier. Wie oft soll ich dir das noch erklären?« Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, als er sich mit großen Schritten dem Bärtigen näherte.
    Hinter Kusmah kam Bewegung in die Gruppe der Gefangenen. Die sechs Frauen bildeten einen schützenden Ring um die Kinder. Ganz offensichtlich hatten sie verstanden, dass es um ihre Brut ging. Allerdings wussten sie nichts davon, dass es gerade die kleinen Bastarde waren, die lebend in Nischni-Nowgorod ankommen mussten. Die Kleinen waren geordert. Vermutlich von irgendwelchen Abgeordneten des Funktionär-Zirkels, die nach der roten Seuche selbst keine Kinder mehr zeugen konnten.
    Wer auch immer hinter der Order stand, Andreij kümmerte das wenig. Vier Kinder lebend, sechs Frauen tot oder lebendig, lautete der Auftrag. Einen Batzen Geld für ihn und seine Männer. Und ein paar Stunden mit den Weibern vor der Übergabe. Das war es, was für ihn zählte. Das, und dass Stillschweigen über diesen Handel herrschte. Nichts durfte nach außen dringen. Normalerweise kein Problem. Doch sein Unteroffizier schien ausgerechnet jetzt sein Gewissen entdeckt zu haben.
    Fluchend ließ Andreij seine Schnellfeuerwaffe am Karabiner seines Schultergurts einklinken. Er schob Kusmah unsanft zur Seite. Seine Hand zerrte wahllos eine der Pachachaos aus der Gruppe. Er stieß sie vor seinen Unteroffizier und riss die Kapuze ihres Robbenfellmantels herunter. Dichtes schwarzes Haar quoll aus ihrem gedrungenen Schädel. Es glänzte von dem Fischtran, mit dem die Wilden sich einzuölen pflegten. Es roch auch danach. Andreij spuckte vor ihr aus.
    Unruhig glitt der Blick der Frau von Baschk zu Kusmah und wieder zurück. Sie hatte schmale Augen, die über den kantigen Wangenknochen tief in den Höhlen lagen. Ein Flaum aus unzähligen Härchen, einen Zentimeter hoch, bedeckte ihre Haut, und die vollen Lippen schimmerten blass aus ihrem dunklen Gesicht.
    »Sieht so ein denkender Mensch aus? Haben Menschen ein Fell?« Andreij packte sie am Kinn. Er drückte seine Handschuhfinger in ihre Kaugelenke, bis sie widerwillig den Mund öffnete. Perlmuttfarbene Zahnreihen kamen zum Vorschein. Die Eckzähne überragten den Rest ihres Gebisses um eine Fingerkuppe. »Da, Zähne wie ein Raubtier. Eine Laune der Natur?

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