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1679 - Mandragoros Geisterfrau

1679 - Mandragoros Geisterfrau

Titel: 1679 - Mandragoros Geisterfrau
Autoren: Jason Dark
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passiert war, konnte ihn nicht positiver stimmen. Er blieb liegen, er war gefesselt und kam aus eigener Kraft nicht frei. Plötzlich geschah es.
    Es fing mit einem Zucken an.
    Nicht sein Körper zuckte, sondern das, was ihn umschlang. Die zähen Lianen oder Zweige, die plötzlich lebendig geworden waren und wieder damit anfingen, sich zu bewegen.
    Die Astgabel dicht unter seiner Kehle hatte er schon fast vergessen. Jetzt wurde er wieder daran erinnert, denn auch sie bewegte sich und sie rutschte tatsächlich noch höher, bis sie sein Kinn erreichte und kitzelnd über die dünne Haut glitt. Ja, so empfand er die Berührung. Ein Kitzeln, ein schwacher Ruck und die Enden krochen immer höher, denn sie hatten ein neues Ziel gefunden. Es war sein Mund!
    Im nächsten Augenblick glaubte er, dass sich die Spitzen in seine Unterlippe bohren wollten. In einer Reflexbewegung öffnete er den Mund, und damit tat er genau das, was die andere Seite gewollt hatte.
    Die Enden des Astes drangen in seinen Mund. Und plötzlich spürte er sie auf der Zunge.
    Das war grauenhaft. Aber die dünnen Zweige hatten noch nicht genug. Sie schoben sich weiter, sie drangen tiefer in seine Mundhöhle, sodass er kaum noch Luft bekam und nicht mehr atmen konnte.
    Er würgte.
    Vom Magen her drang eine Flüssigkeit in seinen Mund, die wie ätzende Säure wirkte. Seine Augen füllten sich mit Wasser und das widerliche Zeug drang immer tiefer in seinen Rachen, sodass er dicht vor dem Ersticken stand. Sein Körper zuckte. Er würgte, er konnte nicht mehr atmen. Seine Kehle war ausgefüllt und immer tiefer drangen die Boten der Natur in den menschlichen Körper ein, um ihn zu übernehmen.
    Der Mensch hatte sich gegen die Natur gestellt und jetzt schlug sie grausam zurück. Wobei Phil Quentin erst der Anfang sein sollte…
    ***
    Es gibt Sommertage und auch die entsprechenden Nächte, die man am liebsten für immer festhalten möchte. Besonders die im Juni, wo die Tage sehr lang waren und man das Gefühl hatte, dass die Sonne einfach nicht untergehen wollte. Das war besonders im Norden Europas der Fall. Dann begannen die Reisen der Kreuzfahrtschiffe in den nördlichen Atlantik. Da fuhr man in die Fjorde und es gab sogar Fahrten bis nach Grönland, wo die Touristen unbedingt noch Eisbären in freier Natur erleben wollten.
    Es wurden auch Reisen angeboten, die um die englische Insel führten, denn auch dort im Norden war es lange hell und viele Menschen erfreuten sich an diesen Nächten. Dazu gehörte auch Carlotta.
    Sie als Mensch zu bezeichnen wäre legitim gewesen, auch wenn es nicht so ganz zutraf. Denn Carlotta hatte Flügel, sie konnte fliegen, denn sie war ein Vogelmädchen. Ihr Geheimnis hatte sie bewahren können, und dafür gab es einen Grund. Der war eine blondhaarige Frau, hieß Maxine Wells und arbeitete als Tierärztin. Sie hatte Carlotta bei sich aufgenommen, nachdem diese aus einem Genlabor geflohen war.
    Vor der Welt hatten sie das Geheimnis bewahren können. Nur wenige Eingeweihte wussten Bescheid, und die hielten den Mund.
    Wer fliegen konnte, musste dies auch ausnützen. Das war Carlottas Devise, und deshalb war sie in den hellen Nächten oft und gern unterwegs, auch wenn Maxine stets voller Sorge auf ihre Rückkehr wartete, denn beide hatten schon so einiges erlebt und das waren Vorgänge gewesen, die außerhalb der Norm lagen und in die immer wieder ein gewisser John Sinclair involviert war, ein sehr guter Freund der Tierärztin. Diese Sommernacht war für das Vogelmädchen ideal, um zu einem Ausflug zu starten. Es würde nicht richtig dunkel werden. Man konnte von einer starken Dämmerung sprechen, die noch einen Blick aus großer Höhe auf den Erdboden zuließ. Carlotta und Maxine Wells lebten in einem Vorort von Dundee. Die freie und so wunderbare Natur lag nicht weit entfernt und Carlotta musste nicht lange fliegen, um die mit Bäumen bewachsene wellige Hügellandschaft unter sich zu sehen. Ja, sie genoss den Flug. Dieses wunderbar sanfte Gleiten durch eine warme Sommerluft und zugleich das Spiel mit dem Wind, von dem sie sich tragen ließ.
    Mal schraubte sich Carlotta in die Höhe, als wollte sie den Mond erreichen, der wie eine gekippte Gondel am Himmel schwebte. Tief unter ihr lag die dunkle Landschaft. Es war zwar nicht völlig finster, doch Konturen und Abgrenzungen waren kaum zu erkennen. Alles floss ineinander. Nur im Osten breitete sich ein Lichtermeer aus. Dort lag die Stadt Dundee, zugleich ihr Zuhause, aber dorthin wollte

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