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Savoir-vivre mit Hindernissen

Savoir-vivre mit Hindernissen

Titel: Savoir-vivre mit Hindernissen
Autoren: Frieda Lamberti
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Vom Glücksschwein zum Trüffelschwein
    Im Schlafzimmer ist es brütend heiß und ich wache schon das dritte Mal in der Nacht auf und wische mir den Schweiß ab.
   »Hast du etwa die Heizung angestellt?«
   »Natürlich nicht«, sagt Martin und öffnet das Fenster. Er folgt mir in die Küche und schaut dabei zu, wie ich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nehme, sie ansetze und zur Hälfte austrinke.
   »Und du willst wirklich mit mir in den Süden ziehen?«, lacht er mich aus. »Dann achte darauf, dass das Haus eine Klimaanlage hat, damit wir wenigstens in Zukunft mal wieder eine Nacht durchschlafen können.« Er hat ja Recht. Mittlerweile haben meine Wechseljahresbeschwerden ein solches Ausmaß angenommen, dass an ungestörte Nachtruhe nicht mehr zu denken ist. Ob ich nicht doch der Hormontherapie zustimmen möchte, die mir mein Frauenarzt empfohlen hat, will er wissen. Aber ich schüttle energisch den Kopf. Keine Therapie. Mein Bedarf an Therapien ist gedeckt. Erst Anjas Chemotherapie, danach das Bangen während des riskanten Eingriffs und schließlich die lange Reha, in der sie ihre Sprachstörung wieder in den Griff bekommen musste. Geduldig und diszipliniert hat sie mitgearbeitet. Nach drei Monaten ist sie fast wieder ganz die Alte. Gerald stand ihr während der ganzen Zeit wie ein Fels in der Brandung zur Seite.
   »Eher wie ein Dauerschatten«, sagte sie gestern zu mir, als ich sie besuchte. Sie darf selber noch nicht Autofahren. Dass sie auf seine ständige Unterstützung angewiesen ist, geht ihr langsam aber sicher gegen den Strich. Meine selbstbewusste und selbstständige Freundin ist die Rolle der Pflegebedürftigen endgültig leid.
   »Bitte nimm mich mit. Ich brauche dringend einen Tapetenwechsel und kann seine lieb gemeinte, aber völlig übertriebene Fürsorge nicht einen Tag länger ertragen«, bettelte sie mich an.
   »Anja, ich fahre nicht in den Urlaub. Das wird ein anstrengender Besichtigungsmarathon. Martin hat rund zwanzig Häuser in die nähere Auswahl gezogen, die ich mir ansehen werde. Das wird eher kräftezehrend als erholsam.«
   »Erholung hatte ich genug. Nimm mich mit, bitte.« Wer kann dieser Frau etwas abschlagen? Ich nicht.

Mit einer dicken Mappe Exposés im Handgepäck checken Anja und ich zum Flug nach Nizza ein. Während des Fluges betrachten wir die mondänen Villen und meiner Freundin verschlägt es glatt die Sprache, als sie die Kaufpreisforderungen der Immobilien sieht. Wieder einmal hält sie mir unter die Nase, was für ein Glücksschwein ich doch bin. Dass Martin vermögend ist, ist ja kein Geheimnis. Nur wie reich er tatsächlich ist, wird ihr jetzt erst richtig klar.
   »Diese Paläste schauen wir uns gar nicht erst an. Das ist nicht meine Welt. Allerdings brauchen wir ein großes Haus. Wenigstens zwei Gästezimmer müssen es sein. Sollte mein Riese tatsächlich irgendwann ganz mit mir umsiedeln, brauchen wir Platz für die Kinder und die Enkel.«
   »Du solltest deinen Riesen endlich ehelichen. Wie lange willst du es noch hinausschieben? Willst du etwa so lange warten, bis ein junges Huhn die Krallen nach ihm und seiner Asche austreckt?«
   »So ganz haben die Ärzte deinen Dachschaden nicht wegbekommen, oder? Du redest zwar wieder deutlich und verständlich, aber einen solchen Blödsinn, dass ich dir darauf keine Antwort gebe.«

Während unserer einstündigen Fahrt mit dem Leihwagen staune ich über die üppige Vegetation. In Hamburg herrscht noch Schnee und Eis, während hier die Mimosen in voller Blüte stehen. Bunte Frühlingsblumen entfalten sich an der Küste, an den Hängen entlang und rechts und links der Promenadenstraßen. Sie leuchten in allen Schattierungen aus gelb, blau, rosa, rot und violett.
   »Ja, Frau Talbach. Der Frühling ist auch meine liebste Jahreszeit«, begrüßt uns Christopher Hinrichs. Der Besitzer des kleinen Weinhotels, in dem Martin und ich während unseres letzten Aufenthaltes wohnten, nimmt uns die Koffer ab und zeigt uns die beiden Zimmer in der ersten Etage. Christopher ist gebürtiger Bremer und betreibt das kleine Hotel gemeinsam mit seiner Frau, der Französin Nicole. Lavendel steht an meiner Tür und ich betrete den Raum, der in zarten Violetttönen eingerichtet ist. Die Ausstattung in Anjas Zimmer ist grün gehalten, passend zum Namen Herbes de Provence. Die beiden nebeneinander gelegenen Suiten teilen sich einen Balkon, der zur Gartenseite ausgerichtet ist. Von hier haben wir

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