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Rotzig & Rotzig

Rotzig & Rotzig

Titel: Rotzig & Rotzig
Autoren: Jörg Juretzka
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TAG 1
    Ein alter Mann mit einer Lidl-Tüte schlurfte vorbei, ohne sich groß an dem Toten oder den beiden Leichenfledderern zu stören. Ein tätowiertes Pärchen mit einem Kinderwagen hingegen hielt an, drehte den Wagen so, dass der Kleine einen guten Blick hatte, und stand dann mit hängenden Lidern und Kiefern einfach da und glotzte.
    Manche Stadtviertel versprühen einen solch eigenen, unnachahmlichen Charme, dass man sich insgeheim fragt, wann wohl die Touristenbusse anrollen. „Nix“, sagte der eine der beiden Knaben genervt. „Hier auch nicht.“ Der andere erhob sich, spuckte aus und kickte den Leichnam zum Abschied in die Seite. „Äh, Moment mal“, mischte ich mich ein. Die beiden tauschten einen gereizten Was-will-er-denn?-Blick. Sie zogen praktisch simultan die Nasen hoch, drehten sich zu mir, und während mich der eine von oben bis unten musterte, machte der andere das Gleiche mit meinem Wagen. Nichts von beidem schien sie sonderlich zu beeindrucken. „Ziehst du hier ein?“, wollte der eine wissen. „Nein, ich mache hier Urlaub.“
    „Schöne Reifen“, fand der andere. „Zwar nicht mehr viel Profil drauf, aber noch ordentlich Luft drin.“
    „Fünf Euro die Woche, damit das auch so bleibt“, forderte der Erste und ließ spielerisch ein Butterfly-Messer auf- und wieder zuklappen.
    „Drei Euro. Im Monat“, sagte ich langsam, „und wir sind möglicherweise im Geschäft.“ Wer klug ist, weiß, wann er nicht gewinnen kann. „Zehn. Im Voraus.“
    „Im Voraus? Vergesst es.“ Doch man muss auch nicht gleich jeden Blödsinn mitmachen.
    Von irgendwo aus der Ferne jaulte ein Martinshorn heran.
    Die beiden tauschten einen ihrer raschen Blicke, machten auf der Hacke kehrt und verschwanden ohne ein weiteres Wort im Hauseingang.
    Das Jaulen kam näher. Irgendwie war mir nicht danach, als Zeuge befragt zu werden.
    Mit einem letzten Aufwallen von Hoffnung, mich wie auch immer in der Adresse geirrt zu haben, verglich ich die Hausnummer mit der auf meinem Zettel, seufzte, packte mein Gepäck mit festem Griff und ging den beiden hinterher.
    Der Flur war niedrig, schlecht beleuchtet, noch schlechter belüftet und bis auf Schulterhöhe mit eitergrünen Kacheln von exemplarischer Scheußlichkeit gefliest. Kunstlose, aggressiv und sinnlos wirkende Graffiti wucherten über sämtliche Oberflächen. Immerhin, es gab einen Lift. Die Jungs standen davor. Der eine hieb seine flache Hand rhythmisch auf den Rufknopf, während der andere im Takt dazu gegen die Tür trat.
    Ich fragte mich, ob er auch derjenige gewesen war, der der Leiche eins verpasst hatte. Zu sagen war es nicht.
    Ihre Ähnlichkeit war verblüffend.
    „Davon kommt der Aufzug auch nicht schneller“, meinte ich.
    Wieder dieser doppelte, flüchtige, automatisch genervte Blick.
    „Klugscheißer“, sagte der eine, und sie verzogen sich ohne ein weiteres Wort ins Treppenhaus.
    Ich wartete. Drückte, nur zur Sicherheit, noch mal den Knopf.
    Das Sirenengejaule draußen schwoll an, bis es, knapp vor der Unerträglichkeit, gnädigerweise erstarb. Ein Krankenwagen stoppte vor dem Haus. Blaulicht flackerte in den Flur, Türen klappten, eine Funkgerät-Stimme knarzte.
    Aus dem Aufzugschacht kam kein Ton. Die Katze jankte in ihrem Korb.
    Ich wartete. Drückte den Knopf. Nichts. Mein Auto war vollgestopft mit Umzugskrempel, den ich auf keinen Fall Stück für Stück und Stufe für Stufe in die zehnte Etage hochschleppen wollte.
    Ein Streifenwagen gesellte sich zur Ambulanz. Irgendjemand forderte irgendjemanden auf, zur Seite zu gehen, Platz zu machen für die Rettungskräfte. Ich drückte noch mal auf den Knopf, dann noch mal. Nichts. Die Katze maulte. Schließlich, am Ende meiner Geduld, gab ich der Tür einen entnervten Kick. „Ha!“ Die beiden Rotznasen linsten um die Ecke, hinter der sie die ganze Zeit gelauert hatten, und grinsten breit.
    „Davon kommt der Aufzug auch nicht schnellen“, äfften sie mich im Chor nach und verschwanden gackernd. Resigniert nahm ich den Katzenkorb auf und das Treppenhaus in Angriff.
    Zehn Etagen höher, schwindelig von den vielen Windungen und keuchend in der beständig dünner werdenden Luft, durfte ich dann feststellen, dass irgendein Genie sein Fahrrad so im Flur abgestellt hatte, dass der Vorderreifen die Aufzugtür am Schließen hinderte. Ich dachte kurz daran, an sämtlichen Wohnungstüren der Etage zu klingeln, den Besitzer zu finden und ihm seinen Vorderreifen zu fressen zu geben, doch war ich nach dem Aufstieg

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