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Rotzig & Rotzig

Rotzig & Rotzig

Titel: Rotzig & Rotzig
Autoren: Jörg Juretzka
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verlockend wirken lassen, aus größerer Höhe irgendwo aufzuklatschen.
    Eine dürre Frau blieb stehen und beobachtete an ihrem Krähenschnabel von einer Nase entlang, wie ich Portweinflasche auf Portweinflasche auf Portweinflasche auf Portweinflasche in den farblich zugeordneten braunen Altglasbehälter fallen ließ.
    „Das sind nicht meine“, fühlte ich mich irgendwie gedrängt zu bemerken.
    „Verleugnung bringt gar nichts“, meinte sie spitz.
    „Aber wenn es doch stimmt.“
    „Sind Sie etwa der neue Hausmeister?“
    Ich nickte.
    „Na, allem Anschein nach sind Sie keinen Deut besser als der alte.“
    Das, fand ich, ging jetzt ein bisschen weit. „Ich denke“, sagte ich sanft, „wir werden uns beide warm an diese herzliche Begrüßung erinnern, sollte in nächster Zeit mal Ihre Heizung ausfallen.“
    Die Matratze war nichts anderes als ein lebendes Feuchtbiotop. Wenn auch keins von der schützenswerten Sorte. Ich hatte sie früher am Tag einmal angehoben und sofort wieder sinken lassen. Jetzt, nachdem es draußen dunkel und still geworden war, zerrte ich sie vom Bett auf den Balkon und hievte sie entschlossen übers Geländer. Dann den Lattenrost. Schließlich, als immer noch niemand protestierte, den Bettkasten. Ganz zum Schluss schnitt ich noch den Teppichboden aus der Ecke, in der das Bett gestanden hatte, und wollte auch den übers Geländer wandern lassen, zögerte allerdings, als von unten ein wütendes „Soll'n der Scheiß?“ ertönte. Also rollte ich den Teppich nur zusammen und schob ihn raus auf den Balkon. Runterschmeißen konnte ich ihn dann später immer noch.
    Schritt für Schritt wuchs mein Verständnis für meinen Vorgänger.
    Ich meine, für seinen Freitod.
    Weniger für sein Vermächtnis. Was hatte er mir mit >Pass bloß auf auf die beiden Zwillinge< sagen wollen? Das konnte alles heißen. Sollte ich mich vor ihnen in Acht nehmen? Sollte ich sie vor irgendetwas beschützen? Oder sollte ich sie und ihre Aktivitäten scharf im Auge behalten?
    Letzteres erschien mir am plausibelsten. Die beiden pulsierten geradezu vor krimineller Energie. Mit denen, das war vorauszusehen, würde es noch ein schlimmes Ende nehmen. So wie mit Scuzzi und, nicht zu vergessen, mir.
    Langsam umkurvte ich den Parkplatz vor dem vierundzwanzigstöckigen Hochhaus in der Mülheimer City, bevor ich den Toyota abstellte. Niemand hockte in verdächtiger Manier in einem parkenden Wagen, niemand schien mir aufzulauern. Fein. Ich schaffte es bis ins Haus und hoch in die siebte Etage, ohne dass man mir unterwegs die Kehle durchgeschnitten hatte, und war recht froh darüber. Jetzt musste ich nur noch heil in mein Apartment und ebenso heil wieder heraus. Ein Klacks, sollte man meinen.
    Wenn man einmal Einnahmen und Risiken meines Broterwerbs in die Waagschalen wirft, bleibt eigentlich nur der Schluss, dass man einen Schaden haben muss, einen solchen Beruf zu ergreifen: Privatdetektiv. Grob vereinfacht, wird man beauftragt und dafür bezahlt, etwas herauszufinden. Eines der Probleme ist, dass es fast immer jemanden gibt, der genau das verhindern will. Kurz, man macht sich Feinde. Und nicht nur bei der Opposition. Denn es kann durchaus vorkommen, dass das mühsam Ermittelte im Endeffekt so gar nicht der Erwartung des Auftraggebers entspricht. Und wenn nicht das Ergebnis als solches, dann die Art und Weise, wie man als Ermittler damit umgeht. Es war ein von Anfang an befremdlicher Auftrag gewesen, ein Eintauchen in eine andere Welt und Zeit: der schläfengraue Patriarch in seinem thronähnlichen Sessel, mit Unterwürfigkeit umwieselt von seinen Söhnen, Neffen und Schwiegersöhnen. Teppiche, tief genug, um einen Schuh darin zu verlieren, vergoldetes Teegeschirr, theatralisches Geflenne der weiblichen Familienmitglieder in den Kulissen. Man bedeutete mir, vorzutreten, und der Patriarch hielt mir seine Hand hin, als ob er erwartete, dass ich den dicken Ring daran küsste. Ich bekam mich gerade noch gebremst, drückte die Pfote mannhaft und ließ mich - angewiesen von einer fließenden Geste - in einen der mit Brokat überkrusteten Sessel fallen.
    „Nazdar, Herr Kryszinski, ist meine einzige Tochter, das Licht meiner Augen.“ Der Patriarch sprach mit der leisen Stimme eines Mannes, der gewohnt ist, dass man ihm und seinen Worten komplette Aufmerksamkeit schenkt. „Sie ist weggelaufen, und ich möchte, dass Sie sie suchen. Ihr Preis ist mein Preis.“ Zack! hatte ich meinen Block gezückt und angefangen, meine Fragen zu stellen.

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