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Ostseeblut - Almstädt, E: Ostseeblut

Ostseeblut - Almstädt, E: Ostseeblut

Titel: Ostseeblut - Almstädt, E: Ostseeblut
Autoren: Eva Almstädt
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Prolog
    E s war dunkel und stickig. Solveigh spürte etwas Pelziges in ihrem Nacken und versuchte, in dem engen Kabuff ein Stück davon abzurücken. Dabei stieß sie mit dem Fuß gegen die Seitenwand, und ein hohles Klopfen erklang. Wie in einem Sarg, dachte sie und unterdrückte ihre aufkommende Panik. Sie konnte hier drinnen zusammengekauert sitzen, also war es eine Weile auszuhalten. Solveigh ließ ihren Kopf nach vorn fallen, bis ihre Kniescheiben sich in die Augenhöhlen drückten. Ihre Augen brannten. Nein, sie würde nicht heulen, sondern einfach ruhig weiteratmen! Doch … wie lange würde die Luft reichen?
    Draußen war es still geworden. Sie hatte ja gewusst, dass niemand sie vermissen würde! Gestern, als sie mit dem aufgeritzten Arm zum Gruppengespräch erschienen war, hatten alle sie angestarrt. Es war ein gutes Gefühl gewesen, das ungläubige Entsetzen in den Gesichtern der anderen zu sehen und das eigene Blut zu fühlen, wie es ihr warm über die Hand gelaufen war. Einen Moment lang war nichts zu hören gewesen als das leise »Plop-Plop«, mit dem ihr Blut auf den Linoleumboden getropft war. Die Schnitte im Unterarm hatte Solveigh sich mit dem Küchenmesser beigebracht, dort, wo ihre Haut weich und ganz weiß war. Trotz der Salbe und des Verbandes, den man ihr später auf der Krankenstation verpasst hatte, konnte sie das Brennen immer noch spüren. Doch was war das gegen ihre Angst und die Scham? Sie hatte ein Gespräch belauscht. Bald würden alle wissen, weshalb sie hier war: dass sie versucht hatte, jemanden umzubringen.
    Das Erziehungsheim für schwer erziehbare Mädchen, in das man sie abgeschoben hatte, sah von außen aus wie eine Filmkulisse. Gefährliche Liebschaften ohne Reifröcke und Perücken, dafür gab es pubertierende Mädchen, Hormone und stinkenden Schweiß. Der Geruch hing überall. In der Wäscherei, in der Solveigh nachmittags arbeiten musste, schlug er ihr beißend entgegen, wenn sie die getragene Kleidung aus den Bottichen nach Waschgängen sortierte.
    Solveighs Herzschlag beschleunigte sich, als sie das Geräusch näher kommender Schritte hörte. Wer konnte das sein? Die Mädchen mussten jetzt doch alle schon beim Frühschwimmen sein. Sie kauerte sich tiefer in ihr Versteck und hoffte, der- oder diejenige würde weitergehen. Die Schritte stoppten. Sie hielt den Atem an und meinte, ihren Herzschlag im Hals zu spüren. Die Tür schwang auf, und Solveigh blinzelte in helles Licht.
    »Also hier hast du dich verkrochen!« Es war Katja, die vor dem geöffneten Schrank stand. »Wenn du nicht beim Frühschwimmen erscheinst, bekommen wir alle Ärger. Beeil dich!« Sie klang unnachgiebig und gereizt.
    Katja Simon war die Erste gewesen, die Solveigh angesprochen hatte, als sie aus der geschlossenen Abteilung in die Gruppe ins Möwenturmhaus verlegt worden war. Katja war, für ihre Verhältnisse, fast nett zu ihr gewesen. Und danach hatten auch Katjas Freundinnen, Janet und Tamara, mit ihr geredet. Janet war lebhaft und witzig. Sie wollte Schauspielerin werden. Tamara war so schüchtern wie Solveigh, mit dem alles entscheidenden Vorteil, dabei schön auszusehen.
    »Los, komm!« Katja zog sie mit sich. »Die Winsen ist noch im Verwalterhaus aufgehalten worden. Vielleicht merkt sie gar nicht, dass du die Schwimmstunde in einem Schrank verbringen wolltest. Weißt du zufällig, wo Tamara ist?«
    »Ich hab sie heute noch gar nicht gesehen«, keuchte Solveigh, die versuchte, mit der Älteren Schritt zu halten.
    »Janet sucht sie. Sie hat den schwierigeren Part.« Katja lächelte spöttisch. Jeder in der Gruppe wusste, dass Tamara einen Freund im Ort hatte.
    »Denkst du, Tamara war über Nacht bei ihm ?«
    »Beeil dich, ich muss mich noch umziehen«, rief Katja und lief mit federnden Schritten den abschüssigen Weg hinunter. Solveigh, die ihr folgte, bekam nach wenigen Minuten Seitenstiche. Die Schwimmhalle lag mitten im Wald unterhalb des Hauptgebäudes. So früh am Morgen war es zwischen den Bäumen noch dunkel und der Boden rutschig. In den Lichtkegeln der wenigen Laternen glitzerten Schneereste auf schwarzem Laub. Als sie die Halle erreichten, verschwand Katja sofort in der Sammelumkleidekabine für Mädchen. Solveigh zog Schuhe und Strümpfe aus, nahm sie in die Hand und suchte sich einen Weg zum Becken, ohne dabei die Dusche passieren zu müssen. Niemand konnte von ihr verlangen, mit ihrem bandagierten Arm zu schwimmen. Sie ging durch einen der hinteren Gänge, an den kaum genutzten

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