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Monkeewrench 06 - Todesnaehe

Monkeewrench 06 - Todesnaehe

Titel: Monkeewrench 06 - Todesnaehe
Autoren: P.J. Tracy
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KAPITEL 1
    M anchmal war das Wasser so glatt wie eine Glasscheibe, und das Boot lag darauf wie ein weißes Blatt auf einer Tischplatte. Reglos, ohne jeden Laut. Dann wieder, vor allem, wenn sie irgendwo festgemacht hatten, brachte die Flut eine Welle heran, die das Boot aus dem Wasser hob wie einen Achterbahnwagen vor der großen Talfahrt. In besonders seltenen Nächten schließlich war das Meer vor den Keys wie eine sanfte Wiege, und das waren die Nächte, in denen man gefahrlos ein paar Kilometer vor der Küste ankern konnte, wo leichte Wellen einen in den Schlaf schaukelten und schmatzend wie Küsse gegen den Schiffsrumpf schwappten. Grace MacBride mochte dieses Geräusch. Sie musste dabei an Harleys Koi-Karpfen denken, wie sie ihr aus der Hand fraßen, damals, bevor sie alle einem serienmordenden Waschbären zum Opfer gefallen waren.
    Soweit sie wusste, gab es auf den Keys keine Serienmörder, egal welcher Spezies, und der Beweis dafür lag auf der Hand. Seit Monaten war Grace jetzt schon hier, ganz ohne Reitstiefel, schwarze Jeans, langen schwarzen Mantel und Waffe am Gürtel, und sie war immer noch am Leben. Am zweiten Tag schon hatte die feuchte Hitze sie in den nächstbesten Laden getrieben und in das erste Sommerkleid und das erste Paar Sandalen ihres Lebens, und irgendwie hatte diese äußerliche Veränderung auch etwas in ihrem Kopf verändert, hatte die Angst, mit der sie seit Ewigkeiten lebte, einfach geschluckt. Nackte Beine und nackte Füße: das einzige Mittel gegen die Paranoia, das ihr bisher nie in den Sinn gekommen war.
    Armer Magozzi. Der Mordermittler aus Minneapolis war der einzige Mann, dem sie je ihr Herz geöffnet hatte, einen ganz kleinen Spaltbreit zumindest, und er hatte sich so viel Mühe gegeben, sie so weit zu bringen, dass sie ohne Waffe aus dem Haus gehen konnte. Und jetzt stellte sich heraus, dass ein Sommerkleid genügte, und von heute auf morgen war das Ziel erreicht. Zum Sommerkleid konnte man kein Pistolenhalfter tragen. Das sah einfach unmöglich aus.
    Ganz geheuer war es ihr ja nicht, dieses neue Leben, in dem die Naturgewalten regierten und die Menschen sich einfach davontragen ließen. Wenn der Wind das Segelboot vor sich hertrieb, blieb einem gar nichts anderes übrig, als die Kontrolle abzugeben, und das hatte Grace zunächst Angst gemacht. Seit sie denken konnte, war Kontrolle für sie der Schlüssel zum Überleben, krampfhafte Wachsamkeit für jedes kleinste Detail das einzig Sichere. Das Segeln hatte sie davon befreit. Hier draußen gab es keine verdächtigen Geräusche, keine Räuber, keine Mörder, keine plötzlichen Bewegungen, die man aus dem Augenwinkel wahrnahm und vor denen man sich in Sicherheit bringen musste. Nur die endlose Weite von Meer und Himmel, und im Wind der ständige Geruch nach Salz.
    Morgens beim Aufwachen verschwendete sie keinen Gedanken an die zahllosen Gefahren, denen sie ausgesetzt sein würde, sobald sie das Haus verließ, und abends sank sie auf ihre schmale Koje unter Deck und fiel in einen tiefen Schlaf, frei von den Albträumen voller Angst und Mord und Blut, das unschuldigen Frauen an den nackten Beinen herunterlief. Und diese exotische Erfahrung, ohne Angst zu sein, so wie ein ganz normaler Mensch mit einem ganz normalen Leben, verdankte sie John Smith.
    Er war FBI -Agent, zwanzig Jahre älter als Grace, ein humorloser Einzelgänger, für den es im Leben nicht viel mehr gab als seine Arbeit. Drei Monate zuvor hatte er den Auftrag erhalten, zusammen mit Grace’ Software-Firma Monkeewrench und der Polizei von Minneapolis in einer Internet-Mordserie zu ermitteln.
    Eigentlich waren sie einander dabei nicht besonders nahegekommen; es wäre zu diesem Zeitpunkt sogar weit übertrieben gewesen, von einer Freundschaft zu reden. Trotzdem: Als John sie aus heiterem Himmel fragte, ob sie mit ihm zum Segeln in die Karibik fahren wolle, hatte Grace ja gesagt. Warum, das wusste sie bis heute nicht recht. Schließlich war seine Einladung nicht gerade eine Sternstunde der Überredungskunst gewesen.
    Ich habe ein Boot … Und wenn ich wieder in Washington bin, werde ich mein Boot nehmen und einfach losfahren … Wollen Sie mitkommen?
    Eine völlig absurde Frage. Wer stieg schon einfach so aus seinem Leben aus und begleitete einen praktisch Wildfremden auf sein Segelboot? Aber als er die Frage stellte, war Grace einer der wenigen glücklichen Momente in einer ansonsten fürchterlichen Kindheit eingefallen: der Abend, an dem eine erschöpfte, lieblose

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